Über Erwartungshaltungen an das Internet und wieso wir mehr von uns selbst verlangen sollten

Endlich halte ich die Juli-Ausgabe von Psychologie Heute in meinen Händen. Darin befindet sich ein Interview mit der amerikanischen Soziologin Sherry Turkle. Sie forscht am MIT über die psychologischen Beziehungen, die zwischen Menschen und Computern entstehen. Ich wurde durch Jürgen Fenn auf ein Interview aufmerksam, in dem sie über ihr neues Buch spricht und eben über die Beziehung zwischen Menschen und Computern, insbesondere bezogen auf das Internet und Social Networks wie Facebook, Twitter & Co.. Sherry Turkle spricht auch darüber, was die permanente Verfügbarkeit des Netzes mit uns machen kann.

Was das Netz mit uns macht, wenn ..

Wir sollten aufpassen und uns klarmachen, was es mit uns machen kann, wenn wir uns tagtäglich im Netz bewegen. Dabei geht es nicht um billige Panikmache. Vielmehr geht es darum, dass es natürlich Einfluß hat auf mich, wenn ich mich mit einer Sache weite Teile meines Lebens befasse. Das gilt ja auch für andere Bereiche des Lebens. Beinahe alles hat Einfluß auf uns. Auch kleine Begegnungen können große Spuren hinterlassen. Die neuen Möglichkeiten, die uns das Netz bietet, die neuen Möglichkeiten, Leute kennenzulernen oder den Kontakt zu halten, haben unumstritten Einfluß auf die Art und Weise, wie wir Beziehungen zu anderen Menschen ansehen, auch offline. Sherry Turkle spricht davon, dass wir täglich in mehreren sogenannten Parallelwelten unterwegs sind. Sie erzählt von Befragungen, in denen Jungendliche berichten, dass sie sich kaum in der Lage fühlen, ihren Rechner einmal auszuschalten, weil sich in ihrer Abwesentheit soviel neue Ereignisse ansammeln, dass es in Streß ausartet, diese aufgelaufenen Informationen nach dem Einschalten erstmal einzuordnen. Viele Jugendliche würden deshalb ihre Computer und Smartphones nie mehr ausschalten und würden sogar beim Essen oder wenn sie Freunde treffen oder auf Familenfeiern (sogar auf Beerdigungen), nebenbei mit anderen Leuten im Netz kommunizieren. Sie erzählt von Eltern, die mit ihren Kindern auf den Spielplatz gehen und dort dann ihr Notebook aufklappen oder via Smartphone woanders sind. Sie fragt sich, welchen Einfluß das auf die Kinder haben wird, die das mitbekommen. Sie spricht deshalb davon, dass viele Nutzer des modernen Internets in Parallelwelten leben.

Das Internet und ich

Das Internet ist immernoch ein sehr junges Medium. Wir alle lernen gerade erst den konkreten Umgang damit und sind oftmals noch weit davon entfernt, uns Gedanken dahingehend gemacht zu haben, wie wir mit diesem Thema umgehen wollen. Für mich selbst hat sich schon seit einigen Jahren meine Haltung gegenüber den Möglichkeiten des Netzes verändert. Bis zu einem gewissen Punkt war ich tatsächlich auch in einer solchen Parallelwelt unterwegs. Irgendwann hab ich festgestellt, dass mir das nicht gefällt. Das ist kein Verdienst. Vielmehr habe ich angefangen, mich unwohl zu fühlen damit, alles gleichzeitig zu machen. Ich bin seit Anfang 2008 erstmal wieder einige Schritte zurückgegangen und habe mich dessen besonnen, was mir Spaß macht. Dazu gehört (im Netz und abseits davon): Dinge ganz tun. Sich Leuten/Problemen/der Arbeit komplett ausliefern. Ich habe extremen Spaß daran, einzutauchen in ein Thema. Seit ich mir dessen bewusst geworden bin, schalte ich Twitter, Facebook & Co. aus, wenn ich arbeite. Wenn ich Leute treffe, nutze ich das Smartphone bis zum Treffen und danach. Je nachdem, mit wem man sich trifft (und zu welchem Thema), zieht man das Teil auch mal hervor und spielt damit herum, zeigt dem anderen Bilder o.ä.. Für mich ist das der Weg, mit dem Thema der Parallewelten umzugehen.

Erwartungshaltungen im Internet und anderswo

Ich glaube schon, dass viele Nutzer ihre Beziehung zum Netz noch nicht hinterfragt haben. Ich glaube, dass sich viele Menschen gar nicht klarmachen, dass es da sowas wie eine Beziehung gibt. Die Erwartungen werden gar nicht bewusst formuliert und erst Recht wird nicht reflektiert, ob diese Erwartungen überhaupt erfüllbar sind. Das ist wiederum ganz ähnlich wie in vielen anderen Lebensbereichen. Ein Beispiel: Ich schließe einen DSL-Vertrag, will möglichst schnellen und permanenten Zugang zum Netz haben, will dafür aber möglichst wenig zahlen. Dass ich nicht für wenig Geld tollen Service bekomme, ist eigentlich klar, wenn man drüber nachdenkt. Das tun aber viele Leute nicht. Sie erwarten alles, auch wenn sie fast nichts geben. Natürlich ist es auch so, dass die Firmen auch nicht gerade damit werben, dass sie eigentlich keinen guten Service leisten können unter solchen Bedingungen. Die Lösung für den Verbraucher könnte sein, dass man den Anbietern engere gesetzliche Rahmenbedingungen setzt. Die andere Seite, also die Kunden, sollten gleichzeitig mehr als jetzt dazu bereit sein, sich mit dem Thema an sich auseinander zu setzen. Und sie sollten über ihre Erwartungen nachdenken und diese der jeweiligen Realität anpassen. Auch über seine Erwartungen an das Netz sollten wir nachdenken. Es wird Zeit, sich zu emanzipieren. Es wird Zeit, dass wir mündige (Netz)Bürger werden.

Veröffentlicht von

Markus

Dies ist ein privates Blog. Ich schreibe hier über alles, was mich interessiert. Du darfst mich also getrost einen Ego-Blogger schimpfen oder mich auch wahlweise liebkosend so nennen. Der Vorteil von soviel Selbstzentriertheit ist, dass ich mir aussuchen kann, wie oft ich schreibe, worüber ich schreibe und nach welchen Grundsätzen das Blog und ich funktionieren. Dir gefällt dies? Oooh, ich bin überrascht und gleichzeitig auch durchaus ein wenig »amused«.

4 Gedanken zu „Über Erwartungshaltungen an das Internet und wieso wir mehr von uns selbst verlangen sollten“

  1. Hihi, ich habe gelernt, dass ich von meinen eigenen Standards nicht abrücken sollte. Ich schreibe sonst nie über Texte/Gedanken, wenn ich sie nicht im Original gelesen habe. Ich sollte dabei bleiben .. ;-)

    Ich Danke Dir, dass Du mich auf Sherry Turkle aufmerksam gemacht hast. Und das Lesen von Psychologie Heute lohnt sich meist sowieso. :-)

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