Zeruya Shalev: Ich habe einen Traum

Schon seit Mitte Januar liegt der Ausdruck eines Beitrages von Zeruya Shalev auf meinem Schreibtisch. Seither nehme ich mir vor, ihn endlich zu lesen. Damals hat sie für „Die Zeit“ diesen Artikel verfasst. Er erschien in der Rubirk Leben. Frei nach Martin Luther King schreiben dort bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten unter dem Motto: „Ich habe einen Traum“. Die Beiträge sind meistens sehr interessant.

Jedenfalls hatte ich schon seit Monaten den Artikel gleich neben mir auf dem Schreibtisch liegen. Manchmal geschehen seltsame Dinge. Wieso schrieb Zeruya Shalev diesen Beitrag gerade in diesen Tagen? Wieso bin ich seinerzeit gleichsam ohne Umwege auf den Artikel gestossen? Ich habe ihn jetzt endlich gelesen und bin ganz erstaunt. Vieles von dem, was sie sagt, trifft aktuell absolut auf meine Gefühlswelt zu. Auch ich will nicht selten einer Lebenssituation entfliehen, die vor allem durch Routine geprägt ist und gleichzeitig wünsche ich mir genau diese Routine eine Sekunde später sehnlichst zurück. Wie sie und ihre Protagonistinnen stelle ich mir beinahe mantrahaft immer wieder dieselben Fragen und erhalte niemals befriedigende Antworten und wie sie bin ich ein Mensch, der nicht oft in der Gegenwart lebt, sondern viel zu häufig seine Aufmerksamkeit der Vergangenheit widmet. Ich wünsche mir sehr, dass ich es eines Tages schaffen werde, weniger zu grübeln und mehr in der Gegenwart zu leben. Einen Weg zu einem solchen Leben sehe ich freilich bisher noch nicht. Nur eines scheint weiter festzustehen: Bücher sind meine Freunde und solange ich Bücher lesen darf, kann ich meinen viel zu unruhigen Geist wenigstens manchmal vom Grübeln abhalten und ich kann dann sogar für kurze Augenblicke Ruhe finden. Ich freue mich jedenfalls auf Ella und all die anderen, denen ich mich nahe fühlen darf.

Denken. Fühlen. Schreiben

Ganz langsam kann ich daran denken, in mein altes Weblog eine Überleitung hineinzuschreiben. Hier steht das Design, die Inhalte sind angefangen und nun kann man damit beginnen, die neue Site tatsächlich und wirklich in das Leben einzuweben. Weblog jeden Tag, Weblog für Bilder, Weblog für das Durchpusten des Kopfes, Weblog, um laut zu denken, was manchmal sicher noch nicht vollkommen ausgegoren ist, Weblog, weil ich Spaß habe am puren Fabulieren, Weblog, um Fotos und andere Bilder öffentlich zu machen und somit einer Wirklichkeit auszusetzen, Weblog um einfach einen Spiegel zu haben, in dem man sein Handeln, sein Denken und sein Tun zeigt, überprüft und eben schlussendlich lebt. Natürlich hat es auch Gefahren, natürlich, dass habe ich ja schon früher immer wieder erfahren, muss ich immer wieder neu überlegen, was ich wie schreibe, was ich vielleicht zum Schutz anderer, doch nicht direkt ausspreche. Mein Offline Tagebuch wird sicher nicht verwaisen; im Gegenteil. Trotzdem kann jetzt alles beginnen. Ich stelle fest, dass sich technisches Denken und Schreiben noch nicht immer vollkommen vom inhaltlichen Fühlen, Denken und Schreiben abgekoppelt hat. Das dauert auch noch ein bisserl, denke ich. Erst muss ich mich in meinem neuen ganz alten virtuellen Zuhause wohl fühlen. Bleibt Alles Anders heisst es ja wohl bei Herbert Grönemeyer.