Konversionen. Konfusionen. Barcamps. Konferenzen. Unkonferenzen. Ja, was denn nun?

Manchmal ist das mit der Sprache ja offenbar sehr schwierig. Da gibt es einen Begriff, der an sich fest definiert ist. Dieser Begriff, ich spreche vom Begriff Barcamp, ist definiert und steht mittlerweile nicht nur für bestimmte inhaltliche Werte, sondern er will sich mit diesem eigenen Namen auch bewusst abheben von dem, was auf normalen Konferenzen stattfindet. Beide Veranstaltungsformen haben nach meiner Meinung absolut ihre Daseinsberechtigung. Allerdings finde ich es nicht sinnvoll, beide Begrifflichkeiten zu vermischen und somit glasklare Unterschiede zu verwässern und es damit potentiellen Besuchern/Teilnehmern künstlich schwer zu machen, sich für oder gegen eine bestimmte Veranstaltung zu entscheiden.

Von was spricht der eigentlich? Was will der?

Ich spreche vom sogenannten Conversion-Camp. Das Conversion-Camp ist eine kommerzielle Konferenz, die Anfang September in Frankfurt stattfinden soll. Diese Konferenz, über deren Qualität ich mich an sich gar nicht äußern will, gibt sich als XYCamp. Man benutzt zudem sogar unberechtigerweise das Barcamp-Logo. Unberechtigt? Ja, ganz eindeutig darf das Barcamp Logo nicht für kommerzielle Zwecke benutzt werden. Es steht eigens unter einer entsprechenden CC-Lizenz CC-NC-Sampling+. Die Macher diskutieren derzeit mit Barcampern darüber, was geht und was nicht. Bisher zeigen die Statements der Konferenzmacher aber, dass man sich offensichtlich mit Attributen schmücken will, die man inhaltich in keiner Weise lebt. Ich finde das sehr schade und an manchen Stellen der Argumentation wirklich dreist. Ich wiederhole, was ich oben aus voller Überzeugung geschrieben habe: Konferenzen haben natürlich ihre Daseinsberechtigung. Genauso legitim ist es, mit Konferenzen unmittelbar oder mittelbar Geld verdienen zu wollen. Barcamps sind allerdings keine kommerziellen Veranstaltungen. Das Conversion-Camp steht aber mit seiner Ausrichtung tatsächlich an etlichen Punkten dem Prinzip der Barcamps diametral gegenüber.

Ein paar Fakten über Barcamps

An dieser Stelle kann ich es mir leicht machen. Franz Patzig, einer der Urväter der deutschen Barcamp-Szene, hat schon im vergangenen Jahr einen Artikel geschrieben, aus dem ich nur zu gerne zitiere:

Formate wie BarCamp gehören uns – und nicht Firmen und schon gar nicht PRlern. Die Marke BarCamp muss von der Community getragen werden. Es bedeutet aber auch, dass nur wenn wir als Community für die Marke BarCamp einstehen und bei den falschen, weil z.B kommerziellen Vereinnahmungsversuchen einschreiten, BarCamp noch lange das bleiben kann was es ist. Eines der spannendsten, demokratischsten Formate, die es je gegeben hat.

Den kompletten Beitrag über das was Barcamps sind und was nicht, kann man hier nachlesen. Alles klar?

Noch ein paar Details

Übrigens, wer nochmal nachlesen will, was man unter dem Begriff Community-Mark versteht, findet hier eine griffige Definition. Chris Messina erklärt zudem ebenfalls in einem ausführlicheren Beitrag, was das ist. Es gibt auch einen sehr informativen Artikel dazu, was ein Barcamp ausmacht. Folgt einfach diesem Link.

Fazit. Wünsche und Hoffnungen

Man darf sich ja immer Sachen wünschen. Ich täte mir wünschen, dass die Macher des Conversion-Camp nochmal in sich gehen. Sie haben zwei Möglichkeiten. Sie können ihre Konferenz umkrempeln und sich vorher vielleicht nochmal eingehend mit dem befassen, was Barcamps sind. Neue Barcamps sind schließlich immer willkommen. Sie können natürlich auch bei dem bleiben, was sie derzeit planen, namentlich eine kommerzielle Konferenz. In diesem Fall sollten sie darauf achten, nicht als Trittbrettfahrer von einer Entwicklung zu profitieren, zu der sie nichts beitragen wollen. Natürlich sollten sie sich ein neues Konferenz-Logo ausdenken. Generell gilt: Eigenständigkeit rulez!

Nachtrag und Aktualisierungen

Seit ca. 12 Uhr gibt es aus Richtung Conversion-Camp ein Statement, indem gesagt wird, dass man aus Respekt an den ursprünglichen Spirit der BarCamps das Logo für deren Veranstaltung ändern will. Wenn man sich jetzt noch dazu durchringen könnte, den Namen zu ändern, wäre das wirklich schön.

Ich habe im Artikel oben auch noch unterschlagen, dass auch Matthias Gutjahr in seinem Sperrobjekt Blog über das Thema gebloggt hat. Bitte unbedingt Lesen. Es lohnt sich. :-)

Das BarcampRuhr3. Ein tolles Wochenende

Ich war jetzt schon viel zu lange nicht mehr auf einem Barcamp. Da kam das BarcampRuhr3 gerade richtig. Es wird und wurde ja viel geschrieben vom Niedergang der Barcamp-Szene. Wer am Wochenende mit allen Sinnen im Unperfekthaus in Essen dabei war, dem fällt es schwer zu verstehen, was die Kritiker meinen. Von Anfang an, also namentlich von der Warmup-Party an, war die Stimmung bei den Besuchern sehr positiv. Man freute sich, alte Bekannte wiederzusehen und neue Leute endlich auch mal im sogenannten RealLife kennenlernen zu können.

Barcamps. As time goes by ..

Natürlich gilt: Barcamps sind mittlerweile akzeptierte Veranstaltungen. Sie sind nicht mehr neu und viele Besucher gehen mit ihnen um, als seien sie normale Konferenzen. Aus meiner Sicht ist das ein Fehler. Barcamps haben keinen unternehmerischen Hintergrund. Sie werden nicht veranstaltet, um Geld zu verdienen. Vielmehr werden sie gemacht von Überzeugungstätern wie Stefan Evertz (seines Zeichens Erfinder und Organisator des BarcampRuhr). Wir alle sollten uns klarmachen, dass es in diesen Tagen nicht mehr so einfach ist, eine Veranstaltung für gut 180 Teilnehmer pro Tag zu veranstalten. Sponsoren spüren wie alle anderen auch die Wirtschafts- und Finanzkrise. Sponsorengelder sitzen da nicht mehr so locker. Die Stärke eines guten Barcamps liegt aber aus meiner Sicht ohnehin nicht im möglichst tollen Begleitprogramm oder am Buffet, ein tolles Barcamp ist ein Barcamp, bei dem sich viele Teilnehmer bereiterklären, ihr Wissen zu teilen oder Themen diskursiv voranzutreiben. Immer wieder bilden sich Höhepunkte der Szene dort, wo Leute engagiert, faktenreich und doch gleichzeitig mit offenen Ohren für die Argumente der anderen aktiv einen Vortrag (mit)gestalten.

Das Unperfekthaus im März 2010

In diesem Jahr gab es einmal mehr tolle Vorträge und nicht minder tolle Stimmung. Die Chatroulette Session wird wohl allen Teilnehmern im Gedächtnis bleiben. Soviel Lachen hört man sogar auf einem Barcamp selten. Andererseits waren aus meiner Sicht Sessions zum Beispiel zum Thema CouchDB genauso hörenswert wie das Diskutieren um mögliche Inhalte eines CollabCamp, namentlich eines Barcamp zum Thema Collaboration.

Barcamps werden Erwachsen

Ich bin nicht wöchentlich auf Barcamps. Über die Jahre bemerke ich aber, dass die Barcamp Szene sich entwickelt. Natürlich wachsen nicht immer neue Teilnehmer aus dem Boden. Man beobachtet schon den oft beschriebenen Barcamp-Tourismus, nachdem man einen festen Kern an Leuten sehr häufig trifft auf diesen Veranstaltungen. Gerade in Essen habe ich aber auch viele für mich vollkommen neue Gesichter gesehen. Über dieses frische Blut habe ich mich besonders deshalb gefreut, weil neue Leute auch neue Gedanken und neue bzw. andere Standpunkte mitbringen. Nur so kann sich ein Veranstaltungsformat entwickeln. Konventionelle Konferenzen kämpfen durchaus mit der Gefahr, dass sie für Vielreisende langweilig werden und verwechselbar. Auch die Barcamp-Szene muß auf diese möglichen Entwicklungen achten. Allerdings mache ich mir solange keine Sorgen, solange immer neue, mal jüngere, mal ältere Neu-Besucher die Un-Konferenzen entdecken und ihre Köpfe und ihre Ideen mitbringen und sie mit den alten Hasen der Szene teilen wollen.

Danksagung

Ganz am Ende will ich mich noch einmal explizit bedanken: Stefan Evertz hat mit dem BarcampRuhr eine Marke geschaffen, die unverwechselbar ist und die dafür steht, dass man inhaltlich anspruchsvolle Themen in angeblich unperfekter Umgebung ;) auf lockere Art und Weise präsentieren kann. Das zollt mir immer wieder großen Respekt ab. Danke dafür, auch an die beste aller Ehefrauen .. :)