Frankfurt. Karl-Marx-Buchhandlung. Eine Geschichte

Es ist schon ein paar Jahre her. Irgendwann stand ich zum ersten Mal vor der Karl-Marx-Buchhandlung in der Jordanstraße in Frankfurt Bockenheim. Ich stand davor und überlegte ernsthaft, ob ich in diese heiligen Hallen der linken Szene — einfach so — hinein spazieren durfte. Sollte ich da wirklich rein gehen? Natürlich sollte ich. Und ich habe es dann natürlich auch getan. Ich trat ein, sah mich um und spürte gleich diese einmalige Atmosphäre. Natürlich weiß ich, dass Atmosphäre etwas ist, was zuerst in der eigenen Phantasie entsteht. Und dennoch war ich geradezu körperlich aufgeregt. Meine Blicke wanderten an den Buchrücken entlang, ich nahm Bücher in die Hand, versuchte Sicherheit zu gewinnen, indem ich nach Autoren suchte, die ich auch schon gelesen hatte. Es war toll. Manchmal wird man ja getäuscht von den Gefühlen, die einen dazu treiben, etwas zu tun. In diesem Fall fühlte und fühlt es sich genauso an, wie es bis heute für mich ist, wenn ich im Bockenheim die Türschwelle der Buchhandlung in der Jordanstraße überschreite. Ich trete ein und betrete die Welt von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Wilhelm Reich. Ich denke immer auch ein wenig an Joschka Fischer und den schlafenden Daniel Cohn-Bendit, zugegeben. Alle haben ihren festen Platz in meinem Erinnern an die Karl-Marx-Buchhandlung. Und »Zeitblende«, ein Buch über Fünf Jahrzehnte Magnum Photographie hat ebenfalls seinen Platz, denn es war das erste Buch, welches ich in der Jordanstraße gekauft habe.

Zeruya Shalev: Ich habe einen Traum

Schon seit Mitte Januar liegt der Ausdruck eines Beitrages von Zeruya Shalev auf meinem Schreibtisch. Seither nehme ich mir vor, ihn endlich zu lesen. Damals hat sie für „Die Zeit“ diesen Artikel verfasst. Er erschien in der Rubirk Leben. Frei nach Martin Luther King schreiben dort bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten unter dem Motto: „Ich habe einen Traum“. Die Beiträge sind meistens sehr interessant.

Jedenfalls hatte ich schon seit Monaten den Artikel gleich neben mir auf dem Schreibtisch liegen. Manchmal geschehen seltsame Dinge. Wieso schrieb Zeruya Shalev diesen Beitrag gerade in diesen Tagen? Wieso bin ich seinerzeit gleichsam ohne Umwege auf den Artikel gestossen? Ich habe ihn jetzt endlich gelesen und bin ganz erstaunt. Vieles von dem, was sie sagt, trifft aktuell absolut auf meine Gefühlswelt zu. Auch ich will nicht selten einer Lebenssituation entfliehen, die vor allem durch Routine geprägt ist und gleichzeitig wünsche ich mir genau diese Routine eine Sekunde später sehnlichst zurück. Wie sie und ihre Protagonistinnen stelle ich mir beinahe mantrahaft immer wieder dieselben Fragen und erhalte niemals befriedigende Antworten und wie sie bin ich ein Mensch, der nicht oft in der Gegenwart lebt, sondern viel zu häufig seine Aufmerksamkeit der Vergangenheit widmet. Ich wünsche mir sehr, dass ich es eines Tages schaffen werde, weniger zu grübeln und mehr in der Gegenwart zu leben. Einen Weg zu einem solchen Leben sehe ich freilich bisher noch nicht. Nur eines scheint weiter festzustehen: Bücher sind meine Freunde und solange ich Bücher lesen darf, kann ich meinen viel zu unruhigen Geist wenigstens manchmal vom Grübeln abhalten und ich kann dann sogar für kurze Augenblicke Ruhe finden. Ich freue mich jedenfalls auf Ella und all die anderen, denen ich mich nahe fühlen darf.