Joachim Gauck II – Aus Gründen ..

Das Netz ist schnell und nicht selten neigt es dazu, Themen eher Schwarz-Weiss darzustellen. Als Joachim Gauck als Bundespräsidenten-Kandidat feststand, blieben prompte Reaktionen nicht aus. Auch mein Text Joachim Gauck erschien relativ schnell.

Viele Leute sind unzufrieden mit dem Kandidaten und haben dies deutlich und sicher manchmal überzogen deutlich geäußert. Auch Gegenreaktionen blieben nicht aus. Stellvertretend sei hier auf den Text von Patrick Breitenbach hingewiesen. Ich will keinen Hehl daraus machen, dass ich mich über die Rückschlüsse von Patrick sehr geärgert habe. Dabei geht es mir nicht darum, dass er Gauck anders bewertet. Mir geht es eher darum, dass er Dinge kritisiert, die er selber kaum besser macht. Er spricht davon, dass Zitate Gaucks ohne Kontext genutzt wurden und werden und übersieht, dass Menschen Aussagen nicht nur im Rahmen eines einzelnen Gespräches machen, sondern dass sich auch aus der Vielzahl von Äußerungen ein Bild ergibt. Viele kleine Mosaiksteinchen ergeben, wofür Gauck steht und ich behaupte, dass viele Gauck-Kritiker ein grundsätzliches Problem haben mit dem, wofür Gauck steht. Ich selber neige, glaube ich, nicht dazu, vorschnell zu urteilen. Ich bin, gemessen an der Geschwindigkeit, mit der im Netz beurteilt wird,  sogar oft zu langsam. Ich beobachte stetig und äußere mich erst, wenn ich sicher bin in dem, was ich glaube festgestellt zu haben. Auch deshalb habe ich mich gestern sehr über die unzulässigen Vereinfachungen Patricks geärgert.

Ich habe einen Artikel angefangen, quasi als Reaktion, habe diesen aber nicht fertigstellen können und wollte ihn auch nicht unmittelbar posten. Hitzige Reaktionen haben wir ohnehin viel zu viele. Ich beschloss also, meinen Artikel heute nochmal durchzuschauen, zu redigieren und ihn dann zu posten. Und was soll ich sagen: Mitten im Korrigieren werde ich auf einen Artikel von Anatol Stefanowitsch aufmerksam. Er konnte wohl auch schlecht schlafen und hat einen Artikel mit der Überschrift »Der böse Gauck und das Netz« geschrieben. Ich habe den Artikel vorhin gelesen und was soll ich sagen: Anatol made my day! Er analysiert Joachim Gauck anhand vieler seiner Statements und untermauert, was viele Leute dazu bringt, Gauck als neuen Bundespräsidenten abzulehnen, mich inklusive. Ich kann das Lesen des Artikels nur wärmstens empfehlen. Dabei ist es nicht wichtig, ob man Pro Gauck ist oder Contra. Man erfährt viel über die Werte Joachim Gaucks und das kann ja per se nicht schlecht sein, denn es scheint doch sicher zu sein, dass er tatsächlich der nächste Bundespräsident wird.

Fazit

Ich halte Joachim Gauck für den falschen Kandidaten, weil er ein Weltbild in sich trägt, dass längst widerlegt ist. Ich unterstelle ihm keine Absicht, keine Mache. Allerdings ist es relativ egal, ob sein Weltbild das Ergebnis taktischen Handelns ist (in Richtung eines bürgerlichen Lagers) oder ob es schlicht deshalb existiert, weil er Dinge nicht zuende gedacht hat bzw. neuere Eindrücke einfach nicht in sein Denken einfließen lässt. Mit seinen Äußerungen rückt er Menschen, die ohnehin keinerlei Lobby haben in die Nähe von Kriminellen, er grenzt Menschen aus, deren Eltern vielleicht aus der Türkei zugewandert waren und die heute überwiegend ein voll integriertes Leben inmitten unserer Gesellschaft führen. Ich könnte an dieser Stelle weitermachen, lasse es aber sein. In Anatols Artikel finden sich alle Antworten. Für mich gilt (nach wie vor): Dieser Kandidat ist (aus all diesen Gründen) nicht mein Kandidat.

Joachim Gauck

Joachim Gauck soll es also werden. Und jetzt, im Nachhinein, wird auch klar, wieso es Sinn macht, dass man Die Linke nicht eingeladen hat zu den Gesprächen um einen gemeinsamen Bundespräsidentenkandidaten zu finden. Echtes Zusammenrücken war nie vorgesehen. Vielmehr bleibt man sich treu und lädt kleingeistig nur diejenigen ein, von denen man noch etwas will oder bei denen Zustimmung quasi garantiert ist. TV-Soaps sind im Vergleich zu diesem Schmierentheater gelebte Hochkultur.

Gauck früher und heute

Persönlich hätte ich es besser gefunden, wenn Klaus Töpfer vorgeschlagen worden wäre. Auch Petra Roth wäre aus meiner Sicht wählbar gewesen. Das sind nur zwei mögliche Kandidaten. Joachim Gauck zeigte gerade während der letzten Monate deutlich, dass er nicht mein Präsident wird. Ja, er kann Reden halten und ja, er wirkte manchmal durchaus charismatisch, früher. Zuletzt sah ich kein Charisma, sondern eine eigentümliche Mischung aus Hochmut und Selbstverliebtheit. Und wenn ich mir dann noch seine Aussagen zur Occupy-Bewegung und zu Thilo Sarrazins Buch vom sich abschaffenden Deutschland vor Augen halte, dann kann ich nur zu dem Ergebnis kommen, dass er schlicht ungeeignet ist, um Bundespräsident zu werden. Ich wünsche mir stattdessen einen Präsidenten, der tatsächlich und nicht nur auf dem Rednerpult ein Präsident für alle ist. Da aber hat sich Gauck quasi selbst abgeschossen. Fazit? Joachim Gauck ist noch nicht einmal ein Präsident für die Gegenwart und er ist erst Recht kein Präsident, der einen Weg weisen kann in Richtung Zukunft. He is not my president.