Emporte moi — Nimm mich mit

Spielfilm Kanada/Frankreich/Schweiz 1999
Regie: Lea Pool

Darsteller: Karine Vanasse, Pascale Bussiéres, Miki Manojlovic, Alexandre Meaurineau, Charlotte Christeler, Nancy Huston, Monique Mercure, Jacques Galipeau, Carl Hennebert-Faulkner

Hanna ist 13 Jahre alt und wächst als Tochter eines jüdischen Schriftstellers und einer katholischen Näherin auf. Der Vater ist während des zweiten Weltkrieges aus seiner polnischen Heimat geflohen und lebt seither als Staatenloser in Kanada. Die Mutter entstammt einem katholisch christlichen Elternhaus und wurde viel zu früh schwanger. Die Eltern sind arm, Hannas Vater ist arbeitslos und die Mutter muss die gesamte Familie mit ihrer Näherei durchbringen. Hannah kämpft täglich neu um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Die Eltern sind jedoch vollends damit beschäftigt, den schwierigen Alltag zu bestreiten. Nur im Kino findet Anna Geborgenheit.

Der Film von Lea Pool begleitet ihre Hauptfigur Hanna jederzeit sehr zurückhaltend, leise und sensibel. Wir erleben mit, wie unglücklich und beinahe verzweifelt Hanna Liebe und Geborgenheit sucht und wie sehr sie sich wünscht, endlich Antworten auf die drängenden Fragen einer Heranwachsenden zu finden. Sie stolpert eher zufällig in ein Kino und sieht dort Jean-Luc Godards „Vivre sa vie“. Sie sieht, wie die Hauptfigur Nana S. Antworten auf die Fragen des Lebens und der Liebe findet. Nana S. scheint sogar Lösungen für die Alltagszwänge des Lebens zu finden. Hanna sieht sich diesen Film immer wieder an und die Filmfigur der Nana wird mehr und mehr zum Leitbild für Hanns gesamtes Tun.

Karine Vanasse als Hanna fesselt mich durch ihre ungeheuerliche Präsenz. Ich sitze da, schaue die wunderbar natürlichen und doch durchkomponierten Bilder des Filmes an und bin schon nach wenigen Minuten Hanna. Erst als der Nachspann über den Bildschrim läuft, tauche ich nach 90 Minuten wieder aus dem Film auf und freue mich sehr, dass ich ausgehalten habe und mir zur kulturellen Primetime ab 00.35 Uhr noch diesen Film angesehen habe.

Zeruya Shalev: Ich habe einen Traum

Schon seit Mitte Januar liegt der Ausdruck eines Beitrages von Zeruya Shalev auf meinem Schreibtisch. Seither nehme ich mir vor, ihn endlich zu lesen. Damals hat sie für „Die Zeit“ diesen Artikel verfasst. Er erschien in der Rubirk Leben. Frei nach Martin Luther King schreiben dort bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten unter dem Motto: „Ich habe einen Traum“. Die Beiträge sind meistens sehr interessant.

Jedenfalls hatte ich schon seit Monaten den Artikel gleich neben mir auf dem Schreibtisch liegen. Manchmal geschehen seltsame Dinge. Wieso schrieb Zeruya Shalev diesen Beitrag gerade in diesen Tagen? Wieso bin ich seinerzeit gleichsam ohne Umwege auf den Artikel gestossen? Ich habe ihn jetzt endlich gelesen und bin ganz erstaunt. Vieles von dem, was sie sagt, trifft aktuell absolut auf meine Gefühlswelt zu. Auch ich will nicht selten einer Lebenssituation entfliehen, die vor allem durch Routine geprägt ist und gleichzeitig wünsche ich mir genau diese Routine eine Sekunde später sehnlichst zurück. Wie sie und ihre Protagonistinnen stelle ich mir beinahe mantrahaft immer wieder dieselben Fragen und erhalte niemals befriedigende Antworten und wie sie bin ich ein Mensch, der nicht oft in der Gegenwart lebt, sondern viel zu häufig seine Aufmerksamkeit der Vergangenheit widmet. Ich wünsche mir sehr, dass ich es eines Tages schaffen werde, weniger zu grübeln und mehr in der Gegenwart zu leben. Einen Weg zu einem solchen Leben sehe ich freilich bisher noch nicht. Nur eines scheint weiter festzustehen: Bücher sind meine Freunde und solange ich Bücher lesen darf, kann ich meinen viel zu unruhigen Geist wenigstens manchmal vom Grübeln abhalten und ich kann dann sogar für kurze Augenblicke Ruhe finden. Ich freue mich jedenfalls auf Ella und all die anderen, denen ich mich nahe fühlen darf.