Lesen: Reinhard Jirgl – Die Stille

Anders Lesen. Das musste ich zuerst lernen, um mich schließlich auf die Texte von Reinhard Jirgl einlassen zu können. Zwischendurch immer wieder auch mal nachlesen, was über ihn und seinen Schreibstil geschrieben wird , seine ganz eigene Orthographie. Sicher ein Ausdruck meiner Verunsicherung. Die veröffentlichte Meinung recht uneinheitlich zwischen wohlwollend und ablehnend. Es gibt auch große Begeisterung. Ich selbst beäuge das noch etwas misstrauisch. Büchner Preisträger (2010)! Ja, und? Was zählt ist, ob diese eigentümliche Schriftsprache am Ende nur effekthascherisch ist oder ob sie etwas bewirkt, was den Intentionen des Autors und auch und vor allem der Geschichte selber dient. Es geht schließlich um Inhalte. Hoffe ich.

Herbstlicher Sonntag mit Einsichten

Sonne. Blauer Himmel. Gute 14°C und neben mir steht eine erste Tasse mit frisch gebrühtem, beinahe dickflüssigem, Earl-Grey Tee. Draußen spielen drei Mädels. Ihre lauten, fröhlichen Stimmen klingen durch die offene Balkontür herein. Ich lese in Lion Feuchtwangers Roman Erfolg und bestaune die Schilderung über die damalige Münchener Bevölkerung, die auch gut von heute stammen könnte. Feuchtwanger schreibt pointiert, sein Blick auf die Verhältnisse analysiert scharf, seine Feder hält seine gesellschaftliche Kritik ebenso fest. Erfolg entstand zwischen 1927 und 1930 und erschien kurz darauf.