Natürliches Denken. Momentaufnahmen. Und Meinung

Monat: Dezember 2006 (Seite 1 von 3)

Gerade angelesen: Wir nennen es Arbeit ..

Kaum das ich mein letztes Buch ausgelesen habe, beginne ich schon mit dem nächsten Titel. Es geht um Wir nennen es Arbeit von Holm Friebe und Sascha Lobo. Ich bin neugierig und gleichzeitig ist da irgendwo eine Stimme in mir, die sich ein wenig gegen den Hype auflehnt, den es derzeit um dieses Buch gibt. Immerhin soll das Werk eine faire Chance bekommen. Alleine schon deshalb werde ich erst nach der kompletten Lektüre des Buches auch darüber schreiben. Ich wollte ja nur mal so sagen .. es ist Winter, es ist Lesezeit ..

Michael Degen: Nicht alle waren Mörder

Michael Degen: Nicht alle waren Mörder. Eine Kindheit in Berlin. List Taschenbuch, Broschiert, 331 Seiten, 8,95€

Berlin 1943. Der damals 11 jährige Michael Degen muss zusammen mit seiner Mutter untertauchen, um einer Deportation in ein Konzentrationslager zu entgehen. Das Buch schildert aus der Sicht des Autors und Schauspielers die Erlebnisse der Jahre 1943 bis nach dem Krieg.

Ich bin nach der Lektüre einmal mehr tief traurig, bin gerührt, wütend, aber vor allem fühle ich mich ohnmächtig. Schon vor Nicht alle waren Mörder hat es Menschen gegeben, die ihr Überleben im Untergrund geschildert oder/und aufgeschrieben haben. Als Beispiel seien nur die Tagebücher von Viktor Klemperer genannt, die mich seinerzeit tief ergriffen und gleichzeitig beschämt haben. Nach der Lektüre solcher Erlebnisse hilft es nur wenig, wenn ich mir einrede, dass ich doch viel zu jung bin, um etwas dafür zu können. Ich fühle mich schuldig, bin gelähmt und sprachlos. Michael Degens Buch hinterlässt bei mir sehr ähnliche Eindrücke und doch ist es etwas anders. Degen schreibt über seine Erlebnisse mit Menschen. Er unterscheidet dabei nicht nach das sind Nazis und das sind die guten (jüdischen) Menschen. Immer wieder sind es einfach einzelne Geschichten, Erfahrungen und Anekdoten. Manchmal haben Menschen einfach so geholfen, haben dabei vielleicht sogar ihr Leben riskiert, haben aber ihre Hilfe trotzdem vollkommen selbstverständlich angeboten und gelebt. Beim Lesen wird mir sehr schnell klar, dass es offenbar möglich war, etwas zu tun. Beinahe ausnahmslos muss man die Taten der Leute als mutig bezeichnen, manche waren sogar verwegen. Natürlich bleibt dennoch das Wissen um die unendlich vielen Deutschen, die mindestens weggesehen haben und die nicht selten das Regime aktiv unterstützt haben. Allzu häufig erlebt man noch heute mit, wie Gedankengut aus diesen Jahren noch gegenwärtig ist. Vorurteile sind eben leider extrem langlebig. So manche antisemitischen Meinungen und Einstellungen sind aber auch viel älter als das 1000 jährige Reich. Antisemitismus war und ist oft immer noch hoffähig in Deutschland und anderswo. Die Lektüre von Nicht alle waren Mörder hat mir neue Einblicke verschafft. Das Buch ist sehr kurzweilig geschrieben. Ich möchte nicht falsch verstanden werden, ich möchte beim Lesen solcher Stoffe nicht unterhalten werden. Andererseits kann ich mich noch allzu gut daran erinnern, dass ich die Klemperer Tagebücher manchmal weglegen musste, um ersteinmal wieder zur Besinnung zu kommen und um überhaupt begreifen zu können, was Menschen anderen Menschen antun können.

Nicht alle waren Mörder ist ein Buch, dass ich jedem Leser, egal ob älter oder jünger, nur dringend empfehlen kann. Es macht beinahe mit jedem Wort fühlbar, wie es gewesen sein muss, als jüdischer Junge in Nazideutschland leben zu müssen. Und es zeigt, das es immer möglich ist, etwas zu tun.