Natürliches Denken. Momentaufnahmen. Und Meinung

Twitter und Kommunikation. Ein Diskussionsbeitrag

In seinem Blogbeitrag »Twitter und Kommunikation« schreibt Raphael Raue über Twitter. Ich kenne Raphael aus früheren Blogzeiten und war deshalb auch sehr neugierig, was er von Twitter hält. Schon die ersten Sätze machen deutlich, dass er der Kommunikationsform Twitter und namentlich dem sich Austauschen per 140 Zeichen skeptisch gegenüber steht. Twitter ist natürlich – und da hat er vollkommen Recht – ein Tool mehr, das evtl. im Systemtray blinkt und das Aufmerksamkeit verlangt. Auch mir steht in Zeiten der nahezu 100 prozentigen Erreichbarkeit der Sinn nicht selten nach Ruhe und Abgeschiedenheit. Über seine konkreten Ausführungen hinaus erkenne ich mich generell selbst sehr stark in dem wieder, was er über sein »Kommunikationsverhalten« schreibt. Er schreibt ..

Denn Ruhe ist das Gut, dass man mit zunehmender Vernetzung aufgibt. Ständig quäktz irgendeines der Icons im Dock, schreit entweder akustisch oder visuell nach Aufmerksamkeit. Dadurch sinkt meine Aufmerksamkeit und ganz im Ernst, wie oft ist dieser Aufmerksamkeitsverlust gerechtfertigt?

Ich kann die oben zitierten Sätze vollkommen unterschreiben. Paradoxerweise twittere ich immer noch. Konkret habe ich gerade vorhin meinen 11.666sten Tweet verfasst. Wie passt dieses scheinbare Paradoxum nun mit dem oben bekannten zusammen? Eine Antwort kann nur subjektiv erfolgen, denn sicherlich haben zehn befragte Twitter-Nutzer elf verschiedene Antworten ;). Meine Antwort ist – wie sollte das im Netz anders sein – ein Link: Cem Basman hat im April des vergangenen Jahres auch schon nach Antworten auf das Mysterium Twitter gesucht und hat daraufhin eine aus meiner Sicht sehr bemerkenswerte kleine Interview-Reihe gestartet. Er befragte (schlussendlich) acht in der Szene als »A-Twitterer« bezeichnete Citizens des Web 2.0 (der Ausdruck ist meiner Meinung nach furchtbar. Immerhin: er wird verstanden ;)  ) und erhielt, wie er selber schrieb, Einblicke, die mehr ergaben als die Summe der gegeben Antworten. Auch knapp ein Jahr später findet sich meiner Meinung nach viel von dem, was Twitter im positiven Sinne ausmachen kann, in den Interviews wieder. Übrigens sei mir gestattet anzumerken, dass die Antworten von Tina Pickhardt (PickiHH) die Perspektive wiederspiegelt, die mir besonders nahe ist. Auch ich bin Freiberufler und auch ich arbeite ziemlich häufig von zuhause aus. Ich finde das einerseits genial, andererseits fehlt mir sowas wie eine Bürogemeinschaft, der Flurfunk oder das Gespräch in der Kaffeeküche. Mindestens genauso oft freue ich mich allerdings über meine Autarkheit im heimischen Arbeitszimmer ;) ..

Viel Leute, viel Kommunikation, viel Austausch?

Raphael schreibt, dass er sich im Zweifel lieber in einem kleinen Kreis von Leuten weiß. Er führt aus ..

Es gibt Leute, die laden jeden zur Party ein und freuen sich, wenn viele kommen und eben welche wie mich, die dabei kein gutes Gefühl haben, sondern lieber mit den fünf Leuten ruhig zusammensitzt, trinkt, redet und tanzt. Dafür muss es nicht blinken und neues entsteht nicht durch immer wechselnde Gesprächspartner, sondern durch die Kreativität der immer gleichen Gesprächspartner.

.. und einmal mehr möchte ich zustimmen und gleichzeitig wieder nicht. Ich tu mich persönlich schwer damit, zu generalisieren, unter welchen Bedingungen Neues entstehen kann. Nach meiner Erfahrung kann Neues im großen Rahmen entstehen und genauso, wenn man zu zweit am Tisch sitzt und einen Wein trinkt. Richtig ist, dass Twitter die Kommunikation von Einem zu Vielen ist, in der Regel. Natürlich kann man auch einzelne Leute ansprechen und man kann sogar private Nachrichten übermitteln, die niemand außer dem Adressaten sehen und lesen kann.

Was ist Twitter denn nun?

Meine kurze Antwort ist: Twitter ist Alles und Nichts. Twitter ist, was wir abseits von Theorien daraus machen. Für mich ist Twitter ein Kommunikationstool. Ich bleibe mit Leuten in Kontakt, die ich sonst aus den Augen verlieren würde und wenn man sich dann mal im sogenannten RealLife (RL) trifft, dann ist sogar der Umgang mit Leuten, die man vorher noch niemals gesehen hat, auf eine positive Art und Weise vertraut. In vielen Fällen weiß man schon, wofür das Gegenüber steht und wofür nicht. Natürlich kann es mir passieren, dass Leute mir via Twitter etwas vorspielen, was sie im sogenannten realen Leben nicht sind. Ich möchte an diesem Punkt aber relativierend entgegen halten: Passiert sowas u.U. im sogenannten realen Leben nicht auch tagtäglich?

Aufmerksamkeit bewusst einsetzen und steuern

Wieder stimme ich Raphael vollkommen zu. Aufmerksamkeit ist in heutigen mutlikommunikativen Zeiten ein rares Gut. Umso mehr sollte jeder Einzelne von uns genau überlegen, wieviel Kraft er wann wofür spendet. Für mich gilt: am Ende des Tages muss die Summe aller Energien Null sein oder sogar ein wenig ins Positive hinein ragen. Um dieses hochgesteckte Ziel zu erreichen, können die Lösungswege nur individuell sein, denn wir sind alle ein wenig anders. Und jetzt komme ich (endlich ;)  ) wieder auf Twitter. Meine Empfehlung ist: Sammel zuerst eine ausreichend große Menge an Eindrücken und vermeide, diese Eindrücke sofort zu bewerten. Erst wenn sich nach einer Zeit und aus vielen kleinen Mosaiksteinchen ein Bild ergibt, trete einen Schritt zurück und schaue Dir das Bild genau an. Und wirklich erst jetzt ist aus meiner Sicht die Zeit gekommen, um zu bewerten. Und jetzt: Viel Spaß! Ich freue mich wirklich zutiefst, dass wir uns via Blogs und Twitter wieder gefunden haben :) ..