Vielleicht fragt sich der geneigte Leser, wieso ich gerade in diesen Tagen, mittendrin in der Amtszeit des US-Präsidenten über Barack Obama schreiben will. Anlass für das Aufschreiben meiner Gedanken und Gefühle zum Thema Amerika und deren Einfluss auf das Jetzt und das Morgen ist die Berichterstattung zum Thema Gesundheitsreform in den USA. Als Europäer kann ich schon nur schwer nachvollziehen, warum sich viele Menschen in Amerika ernsthaft gegen eine obligatorische Gesundheitsversicherung wenden. Sehr schnell stellt sich mir aber dann eben auch die Frage, wie ein Volk, dass sich schon mit dieser verhältnismässig kleinen Fragestellung schwer tut dazu durchringen soll, gegen die wirklich elementaren Probleme auf der Welt zu einer nachhaltigen Haltung zu kommen. Wie soll man mit den Vertretern anderer Nationen bzw. Bevölkerungsgruppen ernsthaft in einen Dialog eintreten, um belastbare Antworten für die Fragen unser aller Zukunft zu finden (Umwelt, Teilhabe am Reichtum auf der Welt, etc.)? Das treibt mich um. Keine Angst, der folgende Beitrag wird kein Bashing-Beitrag. Er soll mir vielmehr dabei helfen zu verstehen, was mich selber und viele andere Europäer dereinst dazu gebracht hat, die Kandidatur und die Wahl von Barack Obama dermassen emotional (positiv) zu bewerten.

Woher wir kamen

Nicht selten hilft es, wenn man einen Blick auf das Vergangene wirft, um die Gegenwart und auch manchmal die Zukunft zu verstehen. Persönlich hatte ich in den Jahren vor dem Auftauchen von Barack Obama das Gefühl, extrem unter der amerikansichen Aussenpolitik zu leiden. Älte Männer, die einzig und alleine ihre ureigenen Machtinteressen auslebten, formten die Welt nach ihrem Bilde. Klicken herrschten und große Teile nicht nur Amerikas, sondern auch der gesamten Welt litten unter den Beschlüssen dieser Klicken. Eine handvoll Menschen entschieden offenbar alleine und ohne Einfluss durch demokratisch gewählte Regierungen, wer und was gut war und wer und was böse war. Nachfragen oder gar Zweifel führten dazu, dass man in Ungnade fiel. Für mich als Europäer war dies der Nährboden, auf dem Barack Obama gedeihen konnte. Sowohl in Amerika als auch außerhalb wünschten wir uns einerseits das Ende der Bush-Administration und andererseits eine nachhaltige Hinwendung Amerikas auf das Heute und das Morgen. Wir wünschten uns verantwortlichen Umgang mit den wichtigen Themen der Zeit, wir wünschten uns auch die Rückkehr Amerikas in die Welt- und in die Wertegemeinschaft. Vielen Menschen war es vielleicht nicht so klar, aber es gab vor allem einen großen Wunsch: Man wollte George W. Bush loswerden. Wer danach kam, war beinahe schon sekundär. Ein wenig kennen wir diesen Effekt. Die Wahl Gerhard Schröders zum Bundeskanzler war, das würde ich heute ganz eindeutig so bewerten, vor allem eine Abwahl Helmut Kohls. Es war das aktive Hinwenden zu einer vermeintlich besseren Zukunft. Barack Obama versprach den Menschen den Wechsel und, bevor das untergeht, er brachte auch einen gewissen Wechsel.

Zeit des Erwachens

Barack Obama ist zum ersten afroamerikanischen Präsidenten Amerikas gewählt worden. Und das war und ist gut so. Aus Sicht der Europäer ist dieser neue Präsident bis heute aber vieles schuldig geblieben. Wir müssen lernen, dass Obama natürlich ein US-Präsident ist, der sich vor allem nach Innen wendet (und damit nicht selten von uns Europäern ab). Im politischen Spektrum der USA gehört er sicher einer progressiven Strömung an. Allerdings ist es eben auch wahr, dass das, was man in Amerika progressiv nennt, sich hierzulande leicht in die Programme der bürgerlichen (rechten) Parteien einbinden liesse.

Amerika Heute und Morgen. Was ich mir wünschte

Amerika ist natürlich genauso wenig wie Deutschland oder Europa, ein monolithisches Gebilde. Es gibt viele Strömungen und viele Denk-Richtungen in Amerika. Ich würde mir wünschen, dass die progressiven Kräfte, die sich ernsthaft eine neue Umwelt- und Energiepolitik auf die Fahnen geschrieben haben an Einfluss gewännen. Ich würde mir eine nachhaltigere Neuausrichtung der Aussenpolitik wünschen, ein starkes Zusammenarbeiten mit den anderen Völkern der Welt. Alleine, ich glaube zusehens nicht mehr daran, dass ich zu Lebzeiten deutlich spürbare Veränderungen (mit)erleben werde. Ob dies im Umkehrschluß tatsächlich das Ende der Welt bedeutet, weiss ich nicht. In jedem Fall bedeutet es für mich, dass wir noch viele Fehler machen werden und noch viele Fehler miterleben und erdulden müssen bis sowohl Amerika, Europa und vor allem die bislang vollkommen unterrepräsentierten armen Völker der Erde Gehör finden und verantwortlich mitsprechen und beschliessen werden dürfen. Die Aussichten sind alles in allem eher trübe.