Plus und minus. Gedanken über Parallelgesellschaften

Ich habe absichtlich ein paar Tage gewartet und habe in der Zwischenzeit viel nachgedacht über die Thesen von Sherry Turkle und auch über den Artikel von Jürgen Fenn. Da ich früher nicht viel gelesen habe von Sherry Turkle, habe ich mich ein wenig informiert über sie, habe versucht, ihre Beobachtungen in einen Kontext zu bringen. So richtig ist mir dies nicht gelungen. Für mich hat schon der Begriff Always-On eine vollkommen andere Bedeutung. Die Beobachtung, dass virtuelle Beziehungen anderen Gesetzmäßigkeiten und Mustern folgen, ist und bleibt mir fremd. Ich lerne Menschen im Netz kennen oder außerhalb. Ich kann jederzeit und überall enttäuscht werden. Ich kann jederzeit und überall einen positiven Anfang einer Beziehung finden. Online oder Offline? Unwichtig! Wichtig ist, wie man aufeinander zugeht. Wichtig ist Offenheit. Unwichtig sind Örtlichkeiten. Online? Offline? Natürlich kann jemand sich im Netz als etwas darstellen, was er nicht ist. Das kann er im sogenannten wirklichen Leben übrigens auch. Es ist ja nicht so, als wäre der Tatbestand des Betruges im Netz erfunden worden. Noch nie enttäuscht worden, weil sich jemand als etwas darstellte, was er/sie nicht ist? Doch? Schon, oder? Mir ist das auch ab und an passiert. Beispielsweise im Sommer 1983. Unnötig zu betonen, dass diese Enttäuschung nicht durch einen Fake im Netz stattgefunden hat. Mir ist das später in abgewandelter Form noch öfters passiert. Es geschah im Arbeitsleben, im Studium oder immer wieder auch im privaten Umfeld.

Online-Welten

Ich ärgere mich sehr häufig über manche Äußerungen auf Twitter, Facebook oder in Blogs. Meist ärgert es mich, wenn klar wird, dass Jemand eine Sache oder eine Person in den Dreck zieht und sich dahinter eine Absicht verbirgt, er diese aber nicht offen vertritt. Beinahe noch ärgerlicher ist, wenn Leute so handeln, aber offenkundig gar nicht etwas oder Jemanden schädigen wollen, sondern dieser Kollateralschaden geschieht, weil derjenige nicht darüber nachdenkt, welche Folge sein Tun (oder Nicht-Tun) hat. In den letzten Jahren nehme ich immer stärker wahr, dass es den Leuten egal ist, wenn es anderen Menschen schlecht geht. Es ist sogar mehr und mehr akzeptiert, gut auf Kosten anderer zu leben. Diese Entwicklung ist da. Sie geschieht tagtäglich. Parteien haben Programme, die sich nur noch an kleine Teile der Gesellschaft richten und in Kauf nehmen, dass es anderen, nicht selten größeren Teilen der Gesellschaft, dadurch schlechter geht. Das alles findet statt. Diese Dinge haben aber nichts zu tun mit dem Netz an sich. Sie finden auch im Netz statt. Und in Offenbach, und ich Wiesbaden und in Stuttgart und und und. Generell kann ich das Leben für bestimmte Schichten oder Gruppen auch so interpretieren, dass manche Leute in Parallelgesellschaften leben. Ich würde dem zustimmen. Aber erneut: das ist keine Ausprägung, die vom Netz erfunden hätte. Das sind Effekte, die in den letzten Jahren immer stärker sichtbar wurden. Sie sind auch gesellschaftlich immer akzeptierter, leider. Ich lebe mit dem Netz. Es ist ein Teil meiner tagtäglichen Realität. Das Netz ist ein Werkzeug so wie das Telefon. Zusätzlich zu dem praktischen Nutzen kann ich Menschen im Netz kennenlernen. Die meisten Leute, die ich im Netz kennengelernt habe, kenne ich über Kurz oder Lang auch aus dem sogenannten realen Leben. Einige Menschen habe ich bisher noch nicht kennenlernen dürfen. Das liegt meist an Terminschwierigkeiten oder an großen Entfernungen oder an Beidem.

Vielleicht bin ich ja naiv, aber nach vielen Jahren im Netz habe ich dort noch relativ wenig schlechte Erfahrungen gemacht. Mag sein, dass dies daran liegt, dass ich per se vorsichtig bin und eher zurückhaltend. Jedenfalls finde ich auch diesbezüglich keine Unterschiede zwischen Online- und Offline-Welten.

Update: Da ich offenbar nicht komplett druchdringe, um was es Jürgen bzw. Sherry Turkle geht, werde ich mir doch erstmal den kompletten Artikel besorgen und lesen. Allerdings hab ich derweil schon wieder so eine Ahnung, in welche Richtung mein nächster Artikel gehen wird. Die Reihe geht also weiter: Demnächst auf Deinem Bildschirm .. ;-)

Update II: Habe jetzt mal über den Artikel und die Thesen von Sherry Turkle geschrieben.

Veröffentlicht von

Markus

Dies ist ein privates Blog. Ich schreibe hier über alles, was mich interessiert. Du darfst mich also getrost einen Ego-Blogger schimpfen oder mich auch wahlweise liebkosend so nennen. Der Vorteil von soviel Selbstzentriertheit ist, dass ich mir aussuchen kann, wie oft ich schreibe, worüber ich schreibe und nach welchen Grundsätzen das Blog und ich funktionieren. Dir gefällt dies? Oooh, ich bin überrascht und gleichzeitig auch durchaus ein wenig »amused«.

2 Gedanken zu „Plus und minus. Gedanken über Parallelgesellschaften“

  1. Markus, ich glaube, es wäre tatsächlich besser, Du würdest das Interview von Turkle mal lesen. Ich kann es Dir leider nicht weitergeben, weil ich Psychologie heute nur in der Stadtbücherei gelesen habe, deshalb habe ich es hier nicht zur Hand. Der entscheidende Punkt ist die Achtsamkeit. Wer ständig in eine Online-Welt flüchtet, ist nicht im Hier und Jetzt, sondern immer auch „dort“. Und das hat notwendigerweise Auswirkungen, von denen war die Rede. Wenn die Unterschiede zwischen Online und Offline für Dich bereits verschwimmen („Online oder Offline? Unwichtig!“), dann befindest Du Dich gerade im Kern des Problems.

  2. Hmm, gut, dann schlage ich vor, dass ich mir die Ausgabe beschaffe, das Interview lese und dann sehen wir weiter. Okay? Natürlich bringt es wenig, wenn ich am Thema vorbei schreibe bzw. Stellung beziehe. Mal schauen, ob ich Psychologie heute hier auf dem Land bekomme. Ich habs mal auf meinen Einkaufszettel geschrieben .. ;-)

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