In den letzten Wochen befasse ich mich verstärkt damit, meinen Alltag zu durchleuchten und zu prüfen, wie ich eigentlich Entscheidungen fälle. Bin ich gut informiert, wenn ich mich für oder gegen etwas entscheide? Wie definiere ich eigentlich gut informiert und ist das, am Ende, auch wirklich gut informiert? Wieviel Zeit ist notwendig, um eine ernsthafte Entscheidung für oder gegen etwas zu fällen und nehme ich mir diese Zeit? Wozu führt es uns, wenn man nicht genug Zeit hat, um sich zu entscheiden? Und: wie gehe ich damit um, wenn ich, objektiv gesehen, wirklich nur wenig Zeit habe für eine Entscheidung? Was kosten mich Schnellschüsse? Und was sind gute Strategien, um sich in engen Situationen Zeit zu verschaffen. Zeit, Zeit, Zeit ..

Sich Zeit nehmen

Den oben gerade mal grob angerissenen Prozeß gehe ich natürlich immer und immer wieder durch. Nein, natürlich stelle ich nicht alles und jedes in jeder Sekunde in Frage. Ich habe nicht viel übrig für Stillstand. Vielmehr habe ich mich mit einer Vielzahl von Indikatoren umgeben. Diese Indikatoren zeigen mir, ob ich mich in einem Sachverhalt noch bei mir befinde oder ob Dinge aus dem Ruder laufen. Und, wenn sie aus dem Ruder laufen, dass ich mir idealerweise Zeit nehmen kann, um die auffälligen Bereiche zu (über)prüfen. Ja, schon wieder Zeit. Zeit nehmen, das funktioniert im Alltag nicht immer. Böse Stimmen berichten davon, dass es eigentlich fast nie klappt damit. Es hilft nur, dran zu bleiben, wenn man sich klar gemacht hat, dass der Faktor Zeit ein kritischer Punkt ist. Und es hilft auch, sich wenigstens ab und an, einfach doch mal Zeit zu nehmen. Da sind sie wieder, die Prioritäten. Immerhin: seit ich so verfahre, laufen Dinge besser. Seit ich das so mache, werde ich aber auch immer misstrauischer, wenn man mich zur Eile anhält. Nehmen wir die Politik: Wenn ich mir anschaue, wie dort Probleme angegangen werden, so stelle ich fest, dass Leute, die einen nicht zum Nachdenken kommen lassen wollen, gerne betonen, dass jetzt alles ganz schnell gehen muss. Wieso eigentlich? Ich empfehle, dies die Leute direkt und ganz konkret zu fragen. Wenn euch das nächste Mal jemand unter Druck setzt, fragt einfach mal nach Gründen für seine/ihre Eile. Ihr werdet feststellen, dass auf diese Frage hin viel gestottert wird. Meist ist das Gestotter gepaart mit wenig Inhalt. Wenn ihr auf diese Kombination trefft, dann solltet ihr unbedingt misstrauisch werden. Ich sag mal so: schnelle (und damit oft ungenügend durchdachte) Lösungen sind oft sehr teuer, am Ende.

Einfach oder richtig? Besser als diese Spirale aus Schnelligkkeit und falschen Entscheidungen sind langsame Entscheidungen, die dafür geeignet sind, besser zu treffen, was ihr wollt. Oft funktionieren diese durchdachten Lösungen auch viel besser. Und sind, am Ende, mehrfach billig(er). Und, um auch gleich noch mit einem anderen Märchen aufzuräumen: Auf komplexe Probleme gibt es nur selten wirklich taugliche einfache Lösungen. Lösungsansätze können zwar durchaus von einfachen Absichten geprägt sein. Die konkrete Umsetzung ist heutzutage aber meist relativ komplex. Und das ist ja auch in Ordnung, denn wir leben, wie gesagt, in einer komplexen, vielfältigen Welt. Und wir wollen ja, dass die Lösungen für morgen Lösungen für viele sind und nicht Lösungen, die für eine kleine Minderheit gut ist und für viele andere Leute schlecht.

Hä? Ihr fragt euch, von was der Tüüp da eigentlich faselt? Ich spreche von Politik. Konkrete Themen gefällig? Energiewende (‚Wir müssen das jetzt ganz schnell entscheiden!‘, EU-Finanzkrise (‚Wir brauchen schnelle Antworten, damit wir auf dem nächsten Gipfel Entscheidungen fällen können!‘), Zukunft der Landwirtschaft (‚Wir müssen uns jetzt für die Gen-Zukunft entscheiden, denn sonst ist der Zukunfts-Zug weg .. Arbeitsplätze .. Bla Bla ..‘), LSR (‚Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass wir unseren Qualitätsjournalismus schützen ..‘), etc.) ich spreche aber auch vom Leben und Entscheidungen im beruflichen Umfeld oder auch vom Zusammenleben mit euren Nachbarn. Setzt an die Stelle der Nachbarn eine Gruppe, einen Menschen oder eine Institution, die euch und euer Leben mehr betrifft. Ihr werdet sehen, die Begrifflichkeiten sind austauschbar, der oben gewählte Ansatz ist einer, den man an vielen Stellen einsetzen kann.