Artikelformat

Über den Rechtsruck

3 Kommentare

Es fällt mir schwer. Ich wollte eigentlich nicht mehr schreiben über Politik. Zu komplex sind Zusammenhänge, zu groß mein Wunsch, mich von Verkürzungen fernzuhalten, denn tatsächlich glaube ich immer weniger an Zuspitzungen, um Themen zu erklären. Und doch schreibe ich über diese Verschiebung nach Rechts. Es ist eine elementare Verschiebung, die immer weiter getrieben wird. Und es ist eine Bewegung in Richtung Vergangenheit, die just in einem Moment der Zeit passiert, an dem wir eigentlich mutig voranschreiten müssten und an dem alte Fehler im Handeln beendet werden und auch, in dem falsche Kompromisse aufgekündigt gehörten.

Persönlich stand ich dem Phänomen dieser Bewegung nach Rechts lange gegenüber und konnte nicht begreifen, was da geschieht. Ich war fassungslos. Allmählich denke ich aber, dass ich den Nebel durchschaue, dass ich es schaffe, die Bewegungen hinter dem Nebel zu erkennen und auch die handelnden Gruppen. In den USA ist beispielweise nicht Donald Trump die handelnde Person. Er ist nur das Werkzeug. Hinter Trump und seiner Politik der Vernichtung gesellschaftlicher Strukturen stecken Menschen, die irgendwann beschlossen haben, dass alles Geld, alle Macht, die schon vorhanden ist, nicht ausreicht. Es sind Menschen, die gewissenlos aufbrechen, was eine Gesellschaft zusammenhält. Da sind Behörden, da sind Gesetzgebungen. Alles, was noch mehr Profit im Wege steht, muss weg. In einem Bericht für den Weltspiegel analysiert Annette Dittert, wer z.B. hinter einer Figur wie Boris Johnson steht. Auch hier ist Geld im Spiel, auch hier geht es vor allem darum, Chaos zu schaffen. Und das Geld kommt aus den USA. Immer mehr verdichtet sich der Eindruck, dass also hinter dem Rechtsruck, den wir international spüren, gar nicht zuallererst Fremdenfeindlichkeit steht oder Konservatismus, sondern vielmehr der Wille, Zusammenhalt aufzusprengen, Institutionen zu schleifen, Gesetze oder ganze Regierungen loszuwerden nur, um einige wenige Menschen auf der Erde noch reicher zu machen und vor allem, um sie mit noch mehr Macht auszustatten.

Einen winzigen Augenblick fühle ich Erleichterung. Diese Erleichterung ist da, weil ich tatsächlich lange diese neuen Bewegungen von Rechts nicht verstanden habe. Natürlich ist der Moment der Erleichterung sehr schnell vorbei, denn nun stehen wir alle vor der Aufgabe, diese Zerstörungskraft zu stoppen. Und dafür braucht es eine große Portion Kraft und noch mehr Ausdauer. Es braucht immer wieder Kraft, dass Gespräch aufzunehmen oder einfach, das Gespräch auszuhalten. Wir müssen es wieder schaffen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, die den neuen vermeintlichen Heilsbringern auch deshalb nachlaufen, weil sie von uns oft schon seit vielen Jahren aufgegeben wurden. Ich glaube, dass wir für diese Aufgabe mit etwas Glück ein Menschenleben an Zeit benötigen werden. Mit weniger Glück ist alles aber sehr viel schneller zuende. Dies ist dann der Fall, wenn wir jetzt weitermachen wie bisher und wenn wir glauben, dass dieses Phänomen einfach von selber wieder verschwinden wird. Werden wir nicht alle aktiv und sprechen wir nicht gerade auch Menschen an, mit denen wir schon lange nicht mehr gesprochen haben, dann wird es ein böses Erwachen geben, denn die, die zerstören wollen, profitieren schon heute vor allem davon, dass viele gesellschaftliche Gruppen nur noch übereinander aber nicht mehr miteinander sprechen.

Ein Disclaimer.

Natürlich müssen da, wo Gesetze gebrochen wurden, etwa, wenn Anschläge auf Fremde passiert sind oder sich Gruppen nicht zu unserem Grundgestz bekennen, natürlich muss da hart durchgegriffen werden. Nicht allen und nicht allem kann einzig mit Güte begegnet werden. Nicht zuletzt sollten auch Minderheiten deutlich spüren, dass sie ein gewollter Teil unserer Gesellschaft sind. Auch da wurden in der Vergangenheit zu viele Zugeständnisse gemacht.

Veröffentlicht von

Dies ist ein privates Blog. Ich schreibe hier über alles, was mich interessiert. Du darfst mich also getrost einen Ego-Blogger schimpfen oder mich auch wahlweise liebkosend so nennen. Der Vorteil von soviel Selbstzentriertheit ist, dass ich mir aussuchen kann, wie oft ich schreibe, worüber ich schreibe und nach welchen Grundsätzen das Blog und ich funktionieren. Dir gefällt dies? Oooh, ich bin überrascht und gleichzeitig auch durchaus ein wenig »amused«.

3 Kommentare An der Unterhaltung teilnehmen

  1. Danke für den Link zu Dittert! – Natürlich ist bei solchen Bewegungen viel Geld im Spiel, aber es gibt auch keine Mehrheiten mehr für eine vernünftige Politik in GB (und was ist eine vernünftige Politik dort?). Auch Frankreich erodiert. In weiteren Ländern ist schon lange Brexit. Die Demokratien bieten keine Gewähr mehr für brauchbare Mehrheiten. Die Zentrifugalkräfte sind stärker als der Zusammenhalt. Und die Nichtwähler sind schon lange überall die stärkste Partei. Gründe und Schlussfolgerungen sind unklar. Ich glaube nicht, dass eine Einflussnahme von außen gelingen würde, wenn diese Bewegungen nicht schon innen angelegt wären. Die große alte Partei musste nicht gekapert werden, es war schon Wasser im Schiff, bevor die Bösen von außen kamen. Meine Blutzuckerteststreifen sind Made in UK, und die Klinik sagt, das sei kein Problem. ;) Ich glaube, es ist doch noch möglich, über Politik zu schreiben, als Blitzlichter geht es, aber die großen Entwürfe gehen nicht mehr, die kriegt derzeit keiner mehr hin. Das ist auch ein Symptom. Die Diagnose: Die Politik hat Brexit, und wer sich auf sie einlässt, kann sich anstecken. Und die Massenmedien werden uns diese Denkarbeit nicht abnehmen. Die muss von unten kommen. Eine ganz andere Frage ist, ob man sich dabei zusehen lassen möchte, ob man das öffentlich betreiben will. Das ist ganz anders als vor zehn Jahren.

  2. Geht es hier um Rechtsruck und Fremdenfeindlichkeit? Oder ist die Vernichtung gesellschaftlicher Strukturen durch mächtige Reiche das Thema?

    Das sind zwei Themenkreise, die zwar überlappen aber ganz unterschiedlich betrachtet und angegangen werden wollen.

    Klasse Beitrag jedenfalls, viele Denkanstöße.

  3. Vielen Dank für Eure Gedanken. Ich werde allerdings nicht inhaltlich darauf eingehen. Zuerst wollte ich aber nun denke ich, dass ich lieber weiterdenke. Meine Gedanken sind ja ohnehin nur eine von unzähligen Möglichkeiten, die oben beschriebenen Phänomene zu erklären. Mein Ansatz ist, natürlich, unvollständig. Vollständigkeit würde eine Artikelserie ergeben, zu der mir Zeit fehlt und Kraft. Außerdem würde Vollständigkeit auch sowas wie ein komplettes Gedankengebäude bedeuten und die Pflicht, meine Gedanken zu verteidigen. Ich will lieber weitergehen, weiterdenken.

    Aber, nochmal: Vielen Dank für Eure Zeit und Eure Gedanken!

Schreibe eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.