Uwe Johnson: Jahrestage

Immer wieder nehme ich die »Jahrestage« zur Hand. Mittlerweile habe ich diese schwarze wunderschöne Ausgabe. Man kann ein Buch von 1728 Seiten nur schwerlich ein Taschenbuch nennen, finde ich. Und doch kommt es eben ohne festen Einband daher und erscheint im Suhrkamp Taschenbuchverlag. Also wohl doch ein Taschenbuch. Das Buch ist wunderschön, wird aber doch nicht sehr lange halten. Die relativ schwache Bindung wird irgendwann die Ursache dafür sein, dass ich wieder aufbrechen muss, um mir eine neue Ausgabe zu kaufen. Bislang ist aber dieses schwarze wunderschöne Buch ein Begleiter über die Jahre geworden. Hoffentlich bleibt es mir noch eine Weile..

Bücher von Uwe Johnson standen schon früher bei uns zuhause und wenn mein Vater über Johnson sprach, dann hörte man seinen Worten sofort an, dass er großen Respekt und sogar Zuneigung empfand. Vielleicht schon damals habe ich beschlossen, dass ich es mit Johnson unbedingt probieren wollte. Ich habe gleich die »Jahrestage« angefangen. Und das Buch hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Die Sprache Uwe Johnsons und die Art und Weise, wie er unterschiedliche Erzählstränge miteinander verwirbt, manchmal auch nur hintereinander setzt, jedes einzelne Wort bindet Aufmerksamkeit und lässt mich beinahe zwischen den Zeilen verschwinden und eintauchen. Ich erlebe Zeitgeschichte unendlich nah. Joachim Kaiser nannte Uwe Johnson einmal »einen Schriftsteller von weltliterarischem Rang«. Als sehr junger Mensch waren mir derartige Einordnungen wichtig. Ich wollte lesen, was die Welt las, ich wollte zwar selber entscheiden, wer für mich wichtig werden sollte, ich wusste aber noch nicht immer, wie ich Gutes von wirklich Außergewöhnlichem unterscheiden konnte. Heute bin ich diesbezüglich ein wenig sicherer, aber nur ein wenig. Jedenfalls hat Uwe Johnson einen festen Platz in der Bücherkiste, die ich auf eine Insel mitnehmen würde.

Und, wie steht nun der Autor Uwe Johnson objektiv da? Wie wird sein Werk besprochen, wie wird es eingeordnet? Johnson hat sicher einen festen Platz bei Suhrkamp und das finde ich auch gut so. Ansonsten scheint er, obwohl er doch durch das Aufschreiben der Geschichte der Gesine Cresspahl eine deutsch-deutsche Geschichte erzählt hat, die Ihresgleichen sucht und trotz dieser immensen Leistung, die ihn immer wieder bis an den Rand seiner persönlichen Kräfte geführt hat und darüber hinaus, trotz alledem leuchtet der Stern Uwe Johnsons eher für eingeweihte Freunde der Literatur. Johnson bleibt was für Insider. »Jahrestage« ist definitiv eines meiner Lieblingsbücher. Ich kann es nur jedem empfehlen, gerade und auch an den nun wieder häufiger zu erwartenden kalten Herbst- und Winterabenden.

(Dieser Text stammt aus meinem »Blogarchiv«. Er wurde am 6. 10. 2006 erstveröffentlicht.)

Frankfurt. Karl-Marx-Buchhandlung. Eine Geschichte

Es ist schon ein paar Jahre her. Irgendwann stand ich zum ersten Mal vor der Karl-Marx-Buchhandlung in der Jordanstraße in Frankfurt Bockenheim. Ich stand davor und überlegte ernsthaft, ob ich in diese heiligen Hallen der linken Szene — einfach so — hinein spazieren durfte. Sollte ich da wirklich rein gehen? Natürlich sollte ich. Und ich habe es dann natürlich auch getan. Ich trat ein, sah mich um und spürte gleich diese einmalige Atmosphäre. Natürlich weiß ich, dass Atmosphäre etwas ist, was zuerst in der eigenen Phantasie entsteht. Und dennoch war ich geradezu körperlich aufgeregt. Meine Blicke wanderten an den Buchrücken entlang, ich nahm Bücher in die Hand, versuchte Sicherheit zu gewinnen, indem ich nach Autoren suchte, die ich auch schon gelesen hatte. Es war toll. Manchmal wird man ja getäuscht von den Gefühlen, die einen dazu treiben, etwas zu tun. In diesem Fall fühlte und fühlt es sich genauso an, wie es bis heute für mich ist, wenn ich im Bockenheim die Türschwelle der Buchhandlung in der Jordanstraße überschreite. Ich trete ein und betrete die Welt von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Wilhelm Reich. Ich denke immer auch ein wenig an Joschka Fischer und den schlafenden Daniel Cohn-Bendit, zugegeben. Alle haben ihren festen Platz in meinem Erinnern an die Karl-Marx-Buchhandlung. Und »Zeitblende«, ein Buch über Fünf Jahrzehnte Magnum Photographie hat ebenfalls seinen Platz, denn es war das erste Buch, welches ich in der Jordanstraße gekauft habe.

Zeruya Shalev: Ich habe einen Traum

Schon seit Mitte Januar liegt der Ausdruck eines Beitrages von Zeruya Shalev auf meinem Schreibtisch. Seither nehme ich mir vor, ihn endlich zu lesen. Damals hat sie für „Die Zeit“ diesen Artikel verfasst. Er erschien in der Rubirk Leben. Frei nach Martin Luther King schreiben dort bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten unter dem Motto: „Ich habe einen Traum“. Die Beiträge sind meistens sehr interessant.

Jedenfalls hatte ich schon seit Monaten den Artikel gleich neben mir auf dem Schreibtisch liegen. Manchmal geschehen seltsame Dinge. Wieso schrieb Zeruya Shalev diesen Beitrag gerade in diesen Tagen? Wieso bin ich seinerzeit gleichsam ohne Umwege auf den Artikel gestossen? Ich habe ihn jetzt endlich gelesen und bin ganz erstaunt. Vieles von dem, was sie sagt, trifft aktuell absolut auf meine Gefühlswelt zu. Auch ich will nicht selten einer Lebenssituation entfliehen, die vor allem durch Routine geprägt ist und gleichzeitig wünsche ich mir genau diese Routine eine Sekunde später sehnlichst zurück. Wie sie und ihre Protagonistinnen stelle ich mir beinahe mantrahaft immer wieder dieselben Fragen und erhalte niemals befriedigende Antworten und wie sie bin ich ein Mensch, der nicht oft in der Gegenwart lebt, sondern viel zu häufig seine Aufmerksamkeit der Vergangenheit widmet. Ich wünsche mir sehr, dass ich es eines Tages schaffen werde, weniger zu grübeln und mehr in der Gegenwart zu leben. Einen Weg zu einem solchen Leben sehe ich freilich bisher noch nicht. Nur eines scheint weiter festzustehen: Bücher sind meine Freunde und solange ich Bücher lesen darf, kann ich meinen viel zu unruhigen Geist wenigstens manchmal vom Grübeln abhalten und ich kann dann sogar für kurze Augenblicke Ruhe finden. Ich freue mich jedenfalls auf Ella und all die anderen, denen ich mich nahe fühlen darf.