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„Democracia Real Ya!“: Was steckt hinter den Demonstrationen in Spanien?

Wer sich hierzulande darüber informieren will, was hinter den Demonstrationen steckt, die seit einigen Tagen in vielen großen Städten Spanien stattfinden und kein Spanisch spricht, hat natürlich ein Problem. Nachfolgend finden sich ein paar Links auf Beiträge und Blogs. Dort kann man sich informieren, um was es den Demonstranten geht.

Markus Trapp hat so etwas wie ein spanisches Gen. Er schreibt auf Text & Blog über die Demonstrationen und die Beweggründe, die hinter dem Protest stehen. Daniel Khafif schreibt bei und für die Netzpiloten. Auch er ordnet in seinem Artikel die Geschehnisse in Spanien ein und stellt weiterführende Links zur Verfügung.

In Spanien demonstrieren Hundertausende und die deutsche Presse schläft. „Democracia Real Ya!“

Es hat lange gedauert, sehr lange. Seit Tagen gehen Hunderttausende Spanier in mehr als 60 Städten auf die Straße. Sie demonstrieren für Democracia Real Ya!, sie demonstrieren also für echte Demokratie jetzt! Und hierzulande kann man darüber kaum etwas lesen, hören oder schauen.

Wo sind die Berichte in den Medien?

Ich habe gesucht und beinahe nix gefunden. Es gab noch nicht einmal Tickermeldungen. Erst am 18.5. fand sich der erste Bericht in der TAZ. Und dann zogen sie nach, die Damen und Herrn des sogenannten Qualitätsjournalismus. Wie schon bei den Protesten in Ägypten und Tunesien hatte man es schlicht verpennt, schnell und umfassend zu berichten. Nach fundierten Analysen sucht man immer noch vergebens.

Qualität schafft Vertrauen. Der Mangel an Qualität schürt Misstrauen

Als überzeugter Zeitungsleser habe ich mich in den letzten Jahren immer mehr daran gewöhnt, dass ich mein Bild vom tugendhaften Qualitätsjournalismus korrigieren muss. Allmählich muss man sagen, dass es mehr ist als eine Korrektur. Zeitungen, Zeitschriften und auch das Fernsehen haben sich arrangiert mit den Mächtigen. Man betreibt teure Hauptstadtbüros, man unterhält natürlich auch offene Kanäle zu Lobby-Vertretern und Aktivisten. Man verwaltet Information in gewohnten Kanälen. Selbst neue Techniken werden schnell in das vorhandene Korsett gepresst und dann nur noch als ein zusätzlicher Kanal betrachtet. Was zunehmend fehlt sind Redakteure, die sich von dem, was sie tagtäglich erfahren (können), empören. Artikel, die entstehen, weil Ungerechtes passiert, kommen beinahe gar nicht mehr vor. Man könnte sich ja anlegen mit einer mächtigen Gruppe von Leuten, einer Firma oder einer Partei. Oder man könnte einen Anzeigenkunden verlieren und man könnte im von Proporz dominierten öffentlichen Rundfunk ja in eine neue Drucksituation geraten. Da geht man doch lieber den bequemen Weg. Und: Was geht uns Spanien an? Oder Ägypten? Oder Tunesien?

Gesellschaft sucht sich Wege. Presse sägt sich den Ast ab auf dem sie sitzt

Die Proteste in Spanien und Griechenland bringen Protest von unten mitten hinein in das reiche Europa. Eine Politik, die sich erlaubt mit zunehmend mehr Unverschämtheit ganze Bevölkerungsgruppen auszugrenzen und eine Presse, die das nicht offenlegt, sondern viel zu oft nur hofberichterstattet, sägt ganz konkret den Ast ab auf dem sie sitzt. Wenn mich heute jemand befragt, welche Zeitung ich zum Lesen empfehlen soll, grübele ich nach, ob ich überhaupt noch Empfehlungen aussprechen soll. Selbst DIE ZEIT und andere Qualitäts-Zeitungen verabschieden sich zusehens von journalistischen Idealen und auch das öffentlich rechtliche Fernsehen erlaubt sich feige Bequemlichkeit anstatt einer scharfen Kante gegenüber Fehlentwicklungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Ein Beispiel? Wo ist der Aufschrei der Presse gegen die unsäglichen Aussagen von Angela Merkel gegen die angebliche Faulheit von südeuropäischen Arbeitnehmern? Ich habe weder davon gehört, noch davon gelesen.

Disclaimer. Again

Ich bin ein großer Anhänger des öffentlich rechtlichen Rundfunksystems und ich zahle meine Gebühren immer noch verhältnismäßig gerne. Allerdings fällt es mir immer schwerer, diese Haltung weiterhin zu bewahren. Auch Zeitungen kaufe und lese ich sehr gerne. Was mich nervt ist, wenn Journalisten ihrer ureigenen Aufgabe der Kontrolle der Mächtigen eines Landes oder einer Region schlicht nicht mehr nachkommen.

Deutsch-Türkisches Leben in Deutschland. Zusammenleben wäre doch so einfach

Fast die Hälfte aller in Deutschland lebenden Migranten mit türkischem Hintergrund fühlen sich in Deutschland unerwünscht. Einmal mehr bekommen wir Schwarz auf Weiss, wie schlecht es um die Integration bestellt ist. Dabei spreche ich nicht von Menschen, die sich nicht anpassen wollen. Ich spreche im Gegenteil von Akademikern, die sich gegen alle Vorbehalte durchgesetzt haben und hier, ausgestattet mit einer sehr guten Ausbildung, immer noch in jeden Tag auf offene oder versteckte Anfeindungen stoßen. Ich spreche von Gründern, die viel Geld verdienen und ausgeben und Arbeitsplätze schaffen, die sich aber im Supermarkt allzu oft komischen Blicken ausgesetzt sehen, weil sie anders aussehen. Einer gerade erschienen Studie zufolge planen sogar etwa 42 Prozent dieser Menschen eine Rückkehr in die Türkei.

Gleichzeitig wird immer wieder festgestellt, dass Deutschland kein Einwanderungsland ist und ich frage mich immer und immer wieder: wieso wollen manche Leute eigentlich nicht einsehen, dass Deutschland faktisch schon seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland ist? Wieso stellen wir uns der Grundsituation nicht postiv und disktutieren und definieren endlich Regeln und Werte, zu denen wir uns bekennen wollen? Wir würden relativ schnell viele neue Zuwanderer bekommen, wir würden an Vielfalt gewinnen, unsere Wirtschaftskraft würde wachsen und ganz nebenbei, würden wir auch wieder mehr Kinder bekommen. Es würde uns allen einfach gut tun.

Grundvoraussetzung ist aus meiner Sicht aber, dass wir uns zu den neuen Deutschen bekennen würden. Wir müssten natürlich zulassen, dass die jungen, neuen Deutschen ihre Andersartigkeit mitbringen dürfen. Wieso wird von Muslimen immer wieder gesprochen als wäre der Islam eine ansteckende Krankheit? Wieso verlangen wir von diesen Menschen, dass sie ihre Herkunft verleugnen und gleichzeitig wird unsere deutsche Gesellschaft immer konservativer und eine bewahrende Haltung wird als positiv angesehen? Wieso schauen wir z.B. Christlich-Orthodoxes Leben als rückständig an und wieso wollen wir überhaupt alle grundsätzlich zu einem christlich geprägten Leben missionieren, was wir oftmals selber nicht leben? Natürlich müssten sich Zuwanderer zu unserer demokratischen Grundordnung bekennen, sie müssten das Grundgesetz nicht in Kauf nehmen, sondern sollten es idealerweise offensiv bejahen. Gleichzeitig sollten wir uns aber das eigene Grundgesetz auch mal wieder anschauen. Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass die lautesten Schreihälse selber das eigene Grundgesetz gar nicht kennen.

Ich bin gespannt, wann wir endlich bereit sind dafür das zu tun, was im Ausland an vielen Stellen schon seit Jahrzehnten gelebt wird und was die jeweiligen Gesellschaften häufig nicht nur in einem monetären Sinne reicher gemacht hat. Das Glas könnte nicht nur halbvoll sein, sondern geradezu überlaufen vor neuen Möglichkeiten und Chancen.