Eine Frau spricht im kanadischen Radio über »ihre Wende«. Sie spricht namentlich über den 9. November 1989, erzählt, was sie erlebt hat, was sie empfunden hat. Sie erzählt, dass sie nach der legendären Pressekonferenz von Günter Schabowski gar keine Zeit hatte, gleich und sofort über die Grenze zu gehen. Erst am Morgen danach wagte sie einen ersten Ausflug mit einer Freundin. Beide benutzten den Grenzübergang an der Bornholmer Straße, liefen weiter, kamen in den Westteil von Berlin. Sie wollten doch nur gucken, gingen durch Läden und schon bald hörten sie, wie zwei Verkäuferinnen sich leise aber doch zu laut sowas zuraunten wie: »Schau mal, da sind schon wieder welche«. Die Beiden Freundinnen wollten wirklich nur mal schauen, befanden sich in einer Parfümerie, wollten »den Westen riechen«, wollten nichts geschenkt haben, wollten eben nur mal einfach so schauen. Das Interview findet auf Englisch statt. Die damals noch junge Frau von 21 Jahren war schockiert, flüchtete mit ihrer Freundin zurück nach Hause. In den folgenden Wochen und Monaten verfestigte sich das Gefühl, dass sie nicht mehr Herr über ihr Leben war. Der Schulabschluss war beinahe nichts mehr wert, die Werte, an die sie geglaubt hatte und von denen sie dachte, sie seien in der DDR nur schlecht umgesetzt worden, diese Werte waren von heute auf Morgen rein gar nichts mehr wert. Die junge Frau von damals erzählt dies ihrer Interviewerin in fliessendem Englisch. Sie spricht zwar mit leichtem deutschem Akzent, ansonsten aber wortgewaltig und wie Jemand, der es gewohnt ist, sich auf Englisch auszudrücken. Nach dem Gespräch erfahren wir von der Moderatorin, dass die junge Frau Deutschland verlies, studierte, um dann zuerst in Kanada und später in London zu arbeiten. Erst viele Jahre später kehrt sie zurück und lebt heute mit einer kleinen Tochter wieder in Berlin. Immernoch spüre sie die Mauer in den Köpfen. Sie kenne nach wie vor Leute aus dem Osten, die niemals oder selten mit Westlern zu tun haben und Wessis, die, obwohl mitten im Osten Berlins lebend, kaum wirkliche Kontakte zu Ostdeutschen haben. Die Stimme der Frau klingt traurig als sie sagt, dass die Mauer in den Köpfen allzu vieler Menschen nach wie vor existent ist. Wenn sie ihre Tochter sehen würde, so würde diese ungezwungen umgehen mit Freundinnen aus dem Kindergarten. Vielleicht wären sie die erste Generation, die wirklich die Mauer in den Köpfen überwinden könnten. Ganz überzeugt klingt die Frau nicht. Es ist eine Hoffnung, die gleichwohl mit wenig Zuversicht ausgesprochen wird. Mich hinterlässt das Gespräch bewegt, ein wenig wütend (ob der Ignoranz mancher Menschen) und ich wünsche mir, dass auch diese Frau (und natürlich mit ihr alle anderen), die etwa in meinem Alter sein muss, bald wirklich ankommt in einem Land, dass friedlich, offen und freundlich miteinander umgeht. Es bleibt noch viel zu tun.