Achtung, Ironie: Verbraucherschutz nach Aignerart

Im Leben muss man praktisch permanent Prioritäten setzen. Will man einen Menschen kennenlernen, so schaut man sich am besten das Tun desjenigen an. Ilse Aigner geriert sich im Dioxin-Skandal aktuell gerne als Verbraucherschützerin. Naja, vielleicht versteht sie den Begriff einfach ganz anders als ich ..

Wachstum, Wachstum, Wachstum?

Aktuell kann man zum Beispiel auf den Seiten von ZEIT ONLINE nachlesen, dass Frau Aigner dabei ist, die Hürden für die Zulassung von Pestiziden zu senken. Bisher konnte das Umweltbundesamt per Veto diese Zulassung verhindern. Dieses Veto-Recht soll nun abgeschafft werden. Aus dem Landwirtschaftsministerium heisst es, man wolle doppelte Prüfungen vermeiden. Klingt gut, oder? Naja, was solls, wenn dann ohne das mögliche Einschreiten des Umweltbundesamtes hierzulande bald wieder mehr hochgiftige Pestizide erlaubt sind, betreibt man damit sicher eine ganz eigene Variante des Verbraucherschutzes. Verbraucherschutz? Aber ja! Man schützt aktiv Pestizid-Hersteller. Das sind doch schließlich auch Verbraucher. Und schließlich brauchen wir doch dringend Wachstum, Wachstum, Wachstum. Oder etwa nicht?

Vodafone, Scholz & Friends und die Sache mit dem Social-Media-Dings

Ich bin hin- und hergerissen. Eigentlich wollte ich über die Geschehnisse der Vodafone Kampagne nicht mehr schreiben. Und doch: Gerade las ich bei DonAlphonso einen aus meiner subjektiven Sicht sehr guten Artikel zum Thema. Er fasst einerseits die Geschehnisse kurz und knackig zusammen. Andererseits wirft er einige Fragen auf, mit denen es sich zu beschäftigen lohnt.

Glaubwürdigkeit und Verantwortlichkeit. Sind solche Stichworte nicht altmodisch?

Möglicherweise sind solche Werte altmodisch und möglicherweise passen Leitlinien wie diese scheinbar nicht in moderne Social-Media-Zeiten. Andererseits kann man im Artikel leicht erkennen, dass im Fall der Vodafone Kampagne genau dort Fehler passiert sind, wo man sich eben genau nicht hat leiten lassen von diesen sinnvollen Werten. Sinnvoll meint an dieser Stelle übrigens nicht, moralisch sinnvoll. Sinnvoll meint, dass man mit einer Kampagne genau das erreicht, was man sich als Ziel vorgenommen hat. Um Glaubwürdigkeit und Aufmerksamkeit zu erreichen, muss man entsprechend handeln. Aus meiner Sicht bedeutet das, dass eine Kampagne von Anfang an nicht kurzfristig zum Erfolg führen kann. Wenn beispielsweise Vodafone sich als modern darstellen will, so kann dies nur gelingen, wenn das »Aussen« zum »Innen« passt. Das »Aussen« steht in diesem Zusammenhang etwa für den Darstellung der Marke bzw. eigentlich der ganzen jeweiligen Company. Das »Innen« steht für das Handeln der Firma. Wie reagieren Mitarbeiter, wenn Kunden Probleme haben oder (Sonder)wünsche. Ist man flexibel? Kann man überhaupt eingehen auf den Kunden? Etc. ..

Was sollte idealerweise eine Firma tun, um einer solchen Kampagne gerecht zu werden?

Kunden sollten sich gut beraten lassen. Jetzt glaubt ihr, ich mache billige Scherze. Tatsächlich meine ich das bitter Ernst. Gerade der beratene Kunde sollte möglichst offen dafür sein, sein bisheriges Tun an vielen Stellen in Frage zu stellen. Er sollte darauf gefasst sein, dass Interaktion mit dem Kunden schlussendlich bedeutet, dass er mehr Arbeit bekommt, dafür aber auch die Chance hat, viel mehr über seine Kunden zu wissen bzw. zu lernen. Dies macht wiederum bessere bzw. passgenauere Produktzuschnitte möglich und erzeugt idealerweise am Ende der Kette zufriedenere Kunden. Die Berater sollten zudem darauf achten, daß Entscheider innerhalb der zu beratenen Company tatsächlich verstehen, um was es geht (mit allen Folgen).

Sind Firmen und Berater bereit für diese neue Art des Umgangs mit ihren Kunden?

Vielfach wird heute immer noch in viel zu kurzen Zeiträumen gedacht. Dieses zu kurzfristige Denken hat sich in den letzten Jahren stark in den Köpfen festgesetzt. Dabei sind die Firmen hierbei nicht die Allein-Schuldigen. Vielmehr steht alles in einem Zusammenhang. Firmen sollen (teilweise abstrus hoch angesetze) Gewinnziele verfolgen. Da bleibt vielfach kein Raum, um langfristig zu denken und zu handeln. Wer immer nur auf die nächsten Quartalszahlen schielen muss, der kann langfristiges strategisches Denken eigentlich vergessen. Social-Media-Elemente sind mit diesen Vorzeichen aber beinahe immer von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Dazu kommt, dass es auch in Agenturen oft vor allem darum geht, Budgets zu erreichen. Wenn dieses Ziel erfült ist, hört der Denkprozess oftmals auf. Auch hier wird oft (zu) kurz gesprungen.

Fazit

Wenn man es positiv sehen will, dann sind Kampagnen wie die von Vodafone vor allem dazu gut hinzuschauen und zu lernen. Viele Blogger können übrigens auch was lernen: Glaubwürdigkeit hat, wie im Journalismus auch, oftmals was damit zu tun, wie ich mich verhalte. Hanns-Joachim Friedrichs hat dazu mal treffend gesagt. Zitat:

»Einen guten Journalisten erkennt man daran, daß er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazu gehört.«

Auch Blogger tun gut daran, sich an diesen Leitspruch zu halten.

Schnutiger (Ute Hamelmann) hört mit dem Bloggen auf

Einmal mehr hat es eine beinahe ausnahmslos namenlose Meute geschafft, jemandem, der eine Sache vielleicht tatsächlich ein wenig falsch eingeschätzt hat, zur Strecke zu bringen. Ganz ehrlich: ich könnte kotzen! Natürlich kann man das Auftreten von @Schnutiger in der aktuellen Kampagne von Vodafone für sich bewerten, wie man will. Aus meiner Sicht sollten für dieses Bewertung allerdings die Regeln des menschlichen Zusammenlebens gelten. Oder sind wir Tiere? Ooooh nein! Sorry, Tiere würden soo niemals miteinander umgehen. Was @Schnutiger da alles vorgeworfen wurde, zielte sehr schnell auf die Zerstörung der öffentlichen Person ab. Anders kann ich das nicht empfinden, wenn ich mir die »Berichterstattung« anschaue. Noch schlimmer schaut es aus, wenn ich in die Kommentare schaue.

Ein kleiner Fragekatalog

Wir sollten alle mal in uns gehen und nachdenken, wie wir miteinander umgehen wollen. Vielleicht würde eine kleine Anfängerübung für den Anfang genügen: Jeder sollte sich selber mal fragen, ob er/sie/es es wirklich gut findet, sooo miteinander umzugehen? Dabei sollte man bedenken, dass man normalerweise das Glück hat, dass die kleinen Lügen, die man sich selber tagtäglich erlaubt (kaufst Du Deine Lebensmittel in sinnvoller Qualität? Gehst Du persönlich dagegen vor, wenn Du mitbekommst, dass jemand benachteiligt wird? Achtest Du beim Gebrauch Deines Autos darauf, dass die Umwelt möglichst wenig belastet wirst? etc. ..), niemals das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Wenn ich den gleichen Maßstab anlegen würde, mit dem Ute Hamelmann verurteilt wurde, so müsste ich ja sozusagen täglich »Hinrichtungen« durchführen. Es mag sein, dass die angerissenen Fragen oben dem einen oder anderen lächerlich vorkommen. Tatsächlich ist es aber so, dass das millionenfache falsche Handeln bei diesen kleinen Dingen des täglichen Lebens uns alle objektiv deutlich mehr schadet als eine richtig gesetzte oder falsch besetzte Kampagne, die, so behaupte ich, ohnehin niemals eine Chance hatte, weil das Feindbild Vodafone von Anfang an viel zu groß ist.

Mein Wunsch

Was ich mir aber wirklich wünsche ist, dass @Schnutiger nach einer Pause, in der sie zur Ruhe kommen kann, wieder anfängt zu bloggen und öffentlich zu wirken. Sie war und sie ist eine Bereicherung, auf die ich auf gar keinen Fall verzichten will.

Übrigens: Wer nun glaubt, da würde jemand einem unreflektiertem und unkritischen Fantum frönen, dem kann ich sagen, dass sowas nur behaupten kann, wer mich nicht kennt. Allerdings empfinde ich Loyalität und Solidarität als immer wieder neu zu suchende und mit Inhalten zu füllende Werte, ohne die ein (sinnvolles) Zusammenleben nicht funtkionieren kann.

Update (Stand: 16 Uhr)

Wer sich einen Überblick über die ganze Geschichte verschaffen will, findet bei Markus Angermeier (aka kosmar) einen sehr gut geschriebenen Artikel zum Thema. Aus meiner Sicht: Unbedingt Lesen!