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Deutsch-Türkisches Leben in Deutschland. Zusammenleben wäre doch so einfach

Fast die Hälfte aller in Deutschland lebenden Migranten mit türkischem Hintergrund fühlen sich in Deutschland unerwünscht. Einmal mehr bekommen wir Schwarz auf Weiss, wie schlecht es um die Integration bestellt ist. Dabei spreche ich nicht von Menschen, die sich nicht anpassen wollen. Ich spreche im Gegenteil von Akademikern, die sich gegen alle Vorbehalte durchgesetzt haben und hier, ausgestattet mit einer sehr guten Ausbildung, immer noch in jeden Tag auf offene oder versteckte Anfeindungen stoßen. Ich spreche von Gründern, die viel Geld verdienen und ausgeben und Arbeitsplätze schaffen, die sich aber im Supermarkt allzu oft komischen Blicken ausgesetzt sehen, weil sie anders aussehen. Einer gerade erschienen Studie zufolge planen sogar etwa 42 Prozent dieser Menschen eine Rückkehr in die Türkei.

Gleichzeitig wird immer wieder festgestellt, dass Deutschland kein Einwanderungsland ist und ich frage mich immer und immer wieder: wieso wollen manche Leute eigentlich nicht einsehen, dass Deutschland faktisch schon seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland ist? Wieso stellen wir uns der Grundsituation nicht postiv und disktutieren und definieren endlich Regeln und Werte, zu denen wir uns bekennen wollen? Wir würden relativ schnell viele neue Zuwanderer bekommen, wir würden an Vielfalt gewinnen, unsere Wirtschaftskraft würde wachsen und ganz nebenbei, würden wir auch wieder mehr Kinder bekommen. Es würde uns allen einfach gut tun.

Grundvoraussetzung ist aus meiner Sicht aber, dass wir uns zu den neuen Deutschen bekennen würden. Wir müssten natürlich zulassen, dass die jungen, neuen Deutschen ihre Andersartigkeit mitbringen dürfen. Wieso wird von Muslimen immer wieder gesprochen als wäre der Islam eine ansteckende Krankheit? Wieso verlangen wir von diesen Menschen, dass sie ihre Herkunft verleugnen und gleichzeitig wird unsere deutsche Gesellschaft immer konservativer und eine bewahrende Haltung wird als positiv angesehen? Wieso schauen wir z.B. Christlich-Orthodoxes Leben als rückständig an und wieso wollen wir überhaupt alle grundsätzlich zu einem christlich geprägten Leben missionieren, was wir oftmals selber nicht leben? Natürlich müssten sich Zuwanderer zu unserer demokratischen Grundordnung bekennen, sie müssten das Grundgesetz nicht in Kauf nehmen, sondern sollten es idealerweise offensiv bejahen. Gleichzeitig sollten wir uns aber das eigene Grundgesetz auch mal wieder anschauen. Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass die lautesten Schreihälse selber das eigene Grundgesetz gar nicht kennen.

Ich bin gespannt, wann wir endlich bereit sind dafür das zu tun, was im Ausland an vielen Stellen schon seit Jahrzehnten gelebt wird und was die jeweiligen Gesellschaften häufig nicht nur in einem monetären Sinne reicher gemacht hat. Das Glas könnte nicht nur halbvoll sein, sondern geradezu überlaufen vor neuen Möglichkeiten und Chancen.

Einwanderungspolitik? Fehlanzeige

Es gab Zeiten, da dachte ich, die Menschen in Deutschland und auch die politischen Gruppierungen hätte begriffen, dass wir ein Einwanderungsland sind. Seit ich denken kann, werden mit der Haltung zum Thema Zuwanderung Wahlen gewonnen und verloren. In diesen Tagen ist Zuwanderung und Integration wieder ein grosses Thema. Erneut kann man beobachten, wie die öffentliche Diskussion von der Betonung der Risiken geprägt ist. Chancen sieht offenbar niemand.

Ich bemerke nur höchst selten, dass wir gezielt und sachlich darüber reden, ob wir uns endlich dazu bekennen wollen, dass Deutschland längst ein Einwanderungsland ist und noch weniger trauen wir uns, Migration und Integration endlich aktiv zu gestalten. Immerzu reden Politiker darüber, dass sich Menschen hier integrieren müssen. Kaum jemand sagt, dass Integration nicht funtkioniert, wenn wir zwar einseitig von den hier lebenden ausländischen Menschen verlangen, sich zu unserer Kultur zu bekennen, gleichzeitig aber nur wenige Deutsche dazu bereit sind, sich diesen anfangs fremden Menschen auch ein Stück weit zu öffnen. Sollten nicht am besten möglichst viele Menschen bereit sein, neue Mitbürger an die Hand zu nehmen und ihnen unser Land begreiflich zu machen? Wir sollten unsererseits neugierig sein, was diese Menschen uns mitbringen und nicht immer nur verlangen, dass sie sich permanent selbst verleugnen. Können wir denn von anderen Menschen gar nichts lernen? Ist es so, dass wir nur etwas geben, wenn wir Menschen erlauben, sich bei uns niederzulassen oder bringen Menschen nicht auch Arbeitskraft mit, Ideen oder einfach Jugend in Form von Kindern? Ist es nicht auch so, dass wir von einem solchen Zusammenleben etwas lernen können, wenn wir dies nur wollten? Wäre also nicht eigentlich Zuwanderung ein Thema, welches im innersten Kern vor allem aus Geben und Nehmen bestehen müsste? Wie muss unsere inländische Diskussion zum Thema Zuwanderung auf jemanden wirken, der sich überlegt, sein Land zu verlassen und der weiter darüber nachdenkt, wo er für sich und seine Angehörigen eine sichere und gute Zukunft finden könnte? Fühlt sich ein solcher Mensch positiv angesprochen und entscheidet er sich frohen Herzens für Deutschland, weil er denkt, dass er hier für sich und seine Familie eine Zukunft sieht? Wie wirken wohl in diesem Kontext Formelkompromisse auf ihn, wie sie erst kürzlich von der Ministern der Bundesländer erzielt wurden? Hätte ich Lust, in ein solches Land auszuwandern? Sicher nicht!

In Deutschland sieht man in allem und jedem nur und einzig Risiken. Beinahe könnte man sagen, dass dies eine unselige Tradition hat, die leider von den meisten gesellschaftlichen Gruppen auch heute noch immer wieder bedient wird. Es macht mich schon sehr verzweifelt, wenn ich feststelle, wie oft wir im täglichen Leben uns selber und anderen beweisen, wie wenig zukunftsfähig wir doch sind und wie wenig offen. In Deutschland ist das Glas nicht halbleer, es ist ausgetrocknet. Wir müssen noch einen langen Weg gehen, um moderne und zukunftsfähige Konzepte nicht nur kopfmässig zu begreifen, sondern diese auch mit Optimismus zu leben.