Marc Cohn im Glaskasten. The Rainy Season

Angekommen. Es ist Januar und es ist ziemlich kalt. Nur sehr vorsichtig steige ich vom Moped ab. Gute 50 Minuten Fahrt haben dafür gesorgt, dass ich zu einem einzigen großen Eiszapfen geworden bin. Das Aufsetzen der Füße auf den festen Untergrund tut beinahe körperlich weh. Ganz allmählich spüre ich meine Beine und meine Füße wieder. Ich verpacke meine Sachen sehr langsam. Drei Halstücher, ein Schal und der Nierengurt, alles will gut verstaut werden. Den Rest und die Jacke nehme ich mit und verstaue die Sachen Drinnen im Rucksack. Mein Weg führt mich zielstrebig in Richtung des Hochhauses der FHD (heute die Hochschule Darmstadt, h-da). Im Parterre befindet sich ein Café. Es wird vom ASTA betrieben und dort ist ein guter Ort, um bei einem Rosinenhörnchen und einem großen Milchkaffee erstmal in Ruhe aufzutauen und auch, um in Ruhe aufzuwachen. Es ist noch früh und ich bin mit der Bedienung fast alleine im Café. Wenn man am Fenster sitzt, zieht es ein wenig durch die großen, nicht wirklich optimal abgedichteten Fenster. Dennoch sind am Fenster die schönsten Plätze, denn dort meint man beinahe Draußen zu sitzen, mitten auf der von Eisblumen übersäten Wiese, die zur Grünanlage der Hochschule gehört. Marc Cohn, den ich bis dahin nicht unbedingt zu meinen Lieblingsmusikern gezählt habe, singt gerade die Songs seiner Rainy Season CD. Nein, ich weiß den Namen des Musikers eigentlich nicht und schon gar nicht den Namen der CD. Ich frage verschämt das Mädchen am Tresen. Sie schaut mich mit einem verschmitzten Lächeln aus großen dunklen Augen an. Sie hat lange, dunkelblonde Haare, die zu Rastalocken geflochten wurden und dennoch ewig lang herunter hängen. Ein Nasenpiercing und ihre Klamotten machen über deutlich, dass sie auch nicht die typische Marc Cohn Hörerin ist. Zwei obercoole, die ein Geheimnis teilen. Ich werde die CD an den folgenden Tagen noch öfters hören. Marc Cohn’s Rainy Season bleibt hängen. Bis heute habe ich sofort die Gerüche und Geräusche des Glaskastens im Kopf und die Einrichtung vor Augen, wenn ich die Musik anhöre. Mittlerweile macht es mir auch übrigens nicht mehr soviel aus, dass ich, der ich doch sonst nur Indie hörte, plötzlich an der Musik von Marc Cohn gefallen fand. Um sich von so manchen Dingen frei zu machen, musste ich aber offensichtlich erst ein wenig älter werden.