Blaue Stunden. Kleine Flucht(en) Zürich

Untitled

Das Restaurant Kantorei in Zürich.

Manchmal braucht man einfach einen Tapetenwechsel. Als wir unsere aktuelle kleine Flucht geplant hatten, war ich noch nicht vollends überzeugt, dass es richtig ist, mal ein paar Tage zu verschwinden, um die Seele baumeln zu lassen. Nach der Rückkehr kann ich nur sagen, dass solche »Tauchausflüge« in ganz andere Welten manchmal wirklich unendlich gut tun. Drei Tage beinahe ohne Notebook (wir haben das Teil nur zum Abladen der täglich neu entstandenen Bilder genutzt ;) ), ohne Emails, ohne Twitter, Identica, Telefon & Co. waren eine absolute Wohltat. So gerne ich besagte Tools nutze und so unerlässlich das tägliche Mailen sonst auch sein mag, so wohltuend war es, endlich mal wieder vollkommen andere Gedanken zu denken und vollkommen andere Gefühle zu fühlen. Heute geht es wieder los. Ich fühle mich nach dem tiefen Abtauchen in blaue Stunden und Tage wieder taufrisch.

Photographie: Alsace 2007. Bilder einer Reise

ch habe gerade eine wundervoll stimmige und toll fotografierte Bilderserie von Cedric Weber gesehen. Die Bilder entstanden auf einer Tour durch das Elsass. Es sind Herbstbilder voller Kraft und es sind auch – so schaut das zumindest aus – Bilder von einer Reise, die Freunde miteinander gemacht haben. Man spürt Verbundenheit, Freude und großes Vertrauen. Es macht richtig Spaß, sich in die Bilder hinein zu sehen. Man bekommt sofort Fernweh und ich habe an einige Freunde gedacht, die ich viel zu selten sehe, weil es uns in alle Himmelsrichtungen zerstreut hat. Ich habe auch schon überlegt, ob wir nicht mal wieder ins Elsass fahren sollten für ein paar Tage. Pierette würde sich sicher über einen Besuch freuen. Hmm..

In den Bergen

Stille. Heiße Milch und Joghurt mit frischen Früchten. Danach nehme ich den kleinen Rucksack mit und die Bergschuhe. Beides stelle ich ins Auto und fahre los. Eine noch vollkommen leere schmale Straße führt in Richtung Talstation Pederü. Ich schlüpfe in die Bergschuhe und schnüre sie fest zu. Dann nehme ich noch meinen kleinen Rucksack, schließe den Wagen ab und verpacke den Wagenschlüssel.

Jetzt geht es los. Mein innerer Schweinehund ruft mir zu, dass ich doch wenigstens bis oben zur Schutzhütte ein Jeep-Taxi nehmen soll. Ich entscheide mich anders, denn ich freue mich auf die vielen kleinen Trampelpfade, die der Jeep gar nicht fahren kann. Gibt es die noch oder haben sich die Esel der Alpini mittlerweile anderen Wege gesucht? Ich laufe los, gewinne erstaunlich schnell an Höhe und muss doch ab und an mal Pause machen, weil mir die Luft zum Atmen fehlt. Ich nutze kleine Ausguckpunkte, sehe, wie sich gerade das erste Jeep-Taxi in Richtung Schutzhütte in Bewegung setzt. Ich laufe, bin mit meiner Entscheidung sehr zufrieden, denn obwohl ich schon ab und an arg nach Luft japsen muss, genieße ich doch jeden Schritt, jeden Blick und vor allem jedes tiefe Einatmen. Selten spürt man unmittelbarer, dass man lebt und selten spürt man unmittelbarer, wie schön das Leben ist. Ich liebe das Gefühl, mir eine Landschaft per Pedes zu erarbeiten. Es ist für den Menschen das richtige Tempo, es lässt zu, dass man seine Umgebung wahrnimmt und geradezu in sich einsaugt. Nach knapp 90 Minuten komme ich an die Weggabelung. Hier halte ich mich rechts, lasse vorläufig die bewirtete Schutzhütte der kleinen Fanes-Alpe rechts liegen und gehe über Almwiesen und Kalkfelsen direkt auf „unseren Platz“ zu. Der einzelne Baum steht noch da, kaum fünf oder sechs Meter weiter bahnt sich der im frühen Sommer immer noch sehr reißende Wildbach seinen Weg durch sein Bett. Ich setze den Rucksack ab, setze mich hin, mache es mir gemütlich und blicke zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder über die zerklüftete Weite der Hochebene. Ich erkenne die Almhütte der kleinen Fanes-Alpe jetzt als einen kleinen Punkt in der Ferne und freue mich schon auf den Mittag. Dann treffe ich Christina wieder. Ob sie mich nach so vielen Jahren wohl erkennt?