Natürliches Denken. Momentaufnahmen. Und Meinung

Schlagwort: Tod (Seite 1 von 1)

Christoph Schlingensief ist tot. Man konnte, nein, man mußte damit rechnen. Und doch ..

Als ich es gestern gehört habe, war ich erstmal wie vor den Kopf geschlagen. Ich hatte zuletzt einige Interviews mit Schlingensief angesehen. Mal wurde er alleine befragt, mal saß er zusammen mit Elke Heidenreich vor dem Frager, hörte Fragen an, antwortete mal engagiert, mal beinahe abwesend wirkend, mal mit dem Blick auf Elke Heidenreich Hilfe suchend. Ich war damals sehr beeindruckt und habe erst damals eine wirkliche Beziehung zu ihm knüpfen können. Vorher standen da die Daten eines Lebens. Man nahm sie wahr wie man viele Eindrücke wahrnimmt von Leuten, denen man temporär begegnet. Ich hörte und las seinerzeit von seiner Parsifal-Inszenierung, ich las und hörte auch von seinem Afrika-Projekt und natürlich las ich auch von den letzten Arbeiten.

Der junge Christoph Schlingensief war für mich nicht immer einfach zu ertragen. Gerade ganz am Anfang seiner Laufbahn wirkten seinen lauten Aktionen, seine Provokationen ja genau so: provozierend. Ich habe manches Mal nachgedacht, ob da jemand nur seinem Platz im Leben sucht oder ob es ihm ernst ist mit seinen Aktionen und mit seinen Inhalten. Mehr und mehr hatte ich über die Jahre den Eindruck, dass es ihm ernst war und was in jungen Jahren manchmal noch wirkte wie reine Pose, das wurde mit den Jahren stärker, ursprünglicher. Ich hatte den Eindruck, dass Christoph Schlingensief zu sich selber fand. Sein Wirken in der Öffentlichkeit war dagegen anders geworden. Ich las Interviews, in denen es um Inhalte ging und nicht darum, das Gegenüber auf Teufel komm heraus zu provozieren. Der junge Wilde war Teil des kulturellen Establishments geworden. Allerdings und das ist mir wichtig: Ich empfand ihn in diesen erwachsenen Jahren niemals als Kulturfutzi. Er sprach niemals über Dinge und man hatte sofort den Eindruck, da mache Jemand was, um dazu zu gehören oder um auch einmal zu diesem oder jenem Thema etwas gesagt zu haben. Er maßte sich nie an, sich wirklich in das Leben eines armen Menschen hinein zu versetzen, war stattdessen immer mehr ein zutiefst von echter Empörung angetriebener. Er bezog Stellung, er hatte eine Haltung. Das machte ihn mir sehr sympathisch. Ich bin jetzt, am Ende, ein großer Bewunderer und bleibe, nach seinem Tod gestern, sprachlos zurück und schockiert. Möge er einen Frieden finden und Ruhe.