Bashing At Its Best? Make Peace Not War

Zuletzt bearbeitet habe ich diesen Artikel am 13. Juli 2009. Damals war Bundestagswahlkampf. Seinerzeit hatte ich mich darüber geärgert, wie der Wahlkampf betrieben wurde. Vielen Wahlkämpfern ging es und geht es gar nicht mehr um das bessere Argument. Sie wollen auch nicht ihre Positionen erklären. Vielmehr wollen sie ihr Gegenüber mundtot machen und dem Wähler so offenbar vermitteln, dass dem politischen Kontrahenten die Argumente ausgegangen sind. Der Entwurf des Artikels lag seither brach. Ich wollte ihn nicht schreiben und ich wollte ihn nicht veröffentlichen. Ich entzog mich diesem negativen Umfeld soweit als möglich. Seither hat es mich aber allzu oft eingeholt. Hier ist nun also doch ein aktualisierter, man sollte sagen, ein komplett neuer Artikel.

Streitkultur und Streitunkultur und was das mit uns macht

Der Wahlkampf, aus dem ich meine Unzufriedenheit zog, ist längst vorbei. Spätestens seither erkenne ich aber eine bedenkliche grundsätzliche Hinwendung zu der Art von Streitkultur, wie ich sie oben beschrieben habe. Darf man sowas überhaupt noch Streitkultur nennen? Destruktives Niedermachen von allem, was einem nicht passt ist salonfähig geworden und zunehmend alle Player im öffentlichen Raum bedienen sich seiner. Bashing ist die neue heimliche Alltagsphilosophie.

Ich mag das nicht. Neues steht generell unter Generalverdacht und ist, quasi ab der ersten Sekunde seines Erscheinens, zum Abschuss freigegeben. Dabei wird oft kein wenig konstruktiv kritisiert. Im Gegenteil kann man aus dem, was die Basher der Nation von sich geben, oftmals schon nach Sekunden erkennen, dass sie sich mit dem Objekt ihrer Kritik kein bisschen auseinandergesetzt haben. Da werden neue Produkte, Organisationen, Meinungen oder Menschen niedergemacht und derjenige, der da redet, weiß oft genug überhaupt nicht, wovon er redet. Aber, das ist egal. Niedermachen ist ja so einfach. Zudem wird sehenden Auges in Kauf genommen, ganze Lebensentwürfe zu vernichten. Übrigens: Mich wundert es angesichts solcher Übergriffe nur wenig, wenn ich Bilder aus U-Bahnen sehe und ein Mensch einen anderen Menschen solange schlägt und tritt, bis derjenige beinahe tot ist. Da werden sehr ähnliche Verhaltensmuster sichtbar. Und die sogenannte Elite des Landes lebt sie täglich neu vor. Das ist ausdrücklich keine Entschuldigung für solcherlei Gewalteskalationen. Es ist aber durchaus ein Ansatz um zu verstehen.

Neulich hörte ich, wie ein Wissenschaftsjournalist sagte, dass wir Menschen aktuell viel zu oft resignativ destruktiv auftreten. Er sprach eigentlich über die überfällige „Klima-Wende“. Man kann seine Worte aber meiner Meinung nach verallgemeinern. In einer Phase, in der wir Mut brauchen und Kraft und eine offen positive Einstellung zum Leben um überhaupt den längst überfälligen gesellschaftlichen Wertewandel einzuleiten, berauben wir uns der eigenen Kraft, weil wir nur noch einseitig negativ sind und ängstlich. Ich kann das nur unterstreichen. Das Alles-Niedermachen streut Gift in uns aus und raubt uns Kraft. Zusätzlich reißt es all diejenigen, die mit viel Mühe und unter Einsatz all ihrer Kräfte Neues schaffen u.U. in eine tiefe Krise. Aufbauen war ja sowieso schon von jeher schwerer als das Niedermachen von dem, was andere aufgebaut haben.

Vernunftbetontes Handeln erzeugt Glaubwürdigkeit. Ulrich Maly im Gespräch

Ulrich Mahly hat mir kürzlich ein Geschenk gemacht. Zum ersten Mal seit langen Wochen und Monaten konnte ich einem Interview eines Politikers zuhören und musste mich nicht nur nicht aufregen, sondern hörte von Satz zu Satz endlich wieder, warum ich mich immer gut aufgehoben gefühlt hatte, wenn ich an die SPD dachte und nicht selten bei Wahlen auch dort mein Kreuzchen machte. Mahly sprach über seine persönlichen Leitlinien, er sprach über Ziele und über das, was Politik leisten sollte. Er band ganz selbtverständlich neue Medien wie das Netz ein und erklärte ganz unaufgeregt, dass gerade die Jüngeren doch logischerweise diese Medien nutzen würden, um sich politisch zu betätigen oder sich auch nur zu informieren. Ich saß da, hört gebannt zu und war am Ende des Gespräches fast überrascht, welch gute Gefühl mich beim Zuhören beschlichen hatte. Das war, nein, das bin ich in Zeiten, in denen niemand mehr über Inhalte redet, sondern einfach nur noch Bashing des politischen Gegners betreibt, gar nicht mehr gewohnt. Politik kann unendlich einfach sein. Und dann fand ich auch noch sowas wie den politischen Leitsatz Ulrich Malys. Er stammt von Noberto Bobbio und lautet:

Das große Problem der Ungleichheit unter den Menschen und den Völkern dieser Erde ist unverändert in seiner Schwere und seiner Unerträglichkeit geblieben. Wer das vergisst, hat seine Wurzeln abgeschnitten.

Nochmal: Kann es einfacher sein, Menschen für Politik zu begeistern? Oder bin ich einfach nur nicht mehr exemplarisch, dass ich mich sehne nach politischen Gruppierungen, die mir Inhalte und Lösungsansätze anbieten und nicht vollkommen inhaltsentleerte Stellungskriege? Ich bedanke mich jedenfalls bei Herrn Mahly für einen seltenen Moment, in dem ich wieder glauben konnte, dass es bei politischer Arbeit nicht darum geht, möglichst genau die Vorgaben des nächstbesten Lobbyisten umzusetzen, sondern stattdessen, Politik für uns alle zu machen. Ulrich Mahly: 12 Punkte. SPD (seit langem mal wieder): 12 Punkte.

Vorbild gefunden. Renan Demirkan

Neulich, nachts auf ARTE. Eine Talkshow mit dem Titel: »Paris-Berlin – Die Debatte«. Die Moderation spricht französisch und die Gäste sind es überwiegend auch. Allerdings nicht ganz. Da redet gerade ein kleiner Derwisch mit kurzen dunklen Haaren und diesen unendlich lebhaften Augen. Die Hände fliegen und endlich erkenne ich, wer da eigentlich sitzt und dermaßen engagiert und mit so bekannter deutscher Stimme ihre Argumente vorbringt: Es ist Renan Demirkan. Ich habe sie schon länger nicht mehr gesehen und doch erkennt man sie sofort. Wenn sie spricht, dann würde ich sie wohl auch mit geschlossenen Augen sofort erkennen. Sie hat eben auch eine tolle Stimme :) ..

Es geht um Deutsche und Franzosen und Türken und Einwanderer und Kulturen und wie man zusammen lebt. Demirkan soll sagen, wie man das in Deutschland macht mit dem Zusammenleben, so zwischen Türken der alten und der neuen Generation und wie das Zusammenleben mit den Deutschen im Alltag passiert. Ich brauche nicht lange zuhören und weiß sofort: sie vertritt die Sache aller hier lebenden Menschen. Dabei denkt sie keine Sekunde darüber nach, ob es nun ihre türkischen Wurzeln sind, die sie das fühlen lassen, was sie sorgsam formuliert und dann wortgewaltig und mit diesen einmalig strahlenden Augen und den permanent fliegenden Händen erklärt. Ich sitze in meinem Sessel, muss unweigerlich ein wenig Lächeln, weil ich ein wenig Angst habe um die anderen Gesprächsteilnehmer und begreife, dass dort jemand mit aller Lebensfreude und voller Zuversicht über unser aller Zukunft redet. Zusammenleben in Frieden und Respekt voreinander. Niemand muss sich assimilieren. Im Gegenteil soll jedermann seine Eigenarten behalten, weil gerade diese Vielfalt uns alle unendlich reich macht. Nein, das ist nicht MulitKulti at its best. Das ist einfach weise, warmherzig und ganz nebenbei sehr modern. Vielen vielen Dank, Renan Demirkan!